Aus den Sagas der Krenat:
Als die Welt noch leer und öd war, fiel einmal ein Stern vom Himmel. Da, wo er einschlug, wuchsen plötzlich Blumen, wie es sie heute nicht mehr gibt. Eine hatte sogar 2 Blüten. Diese öffneten sich, und die ersten Götter, Sorghum und Turag, entsprangen ihnen. Dann erst wurden die anderen Götter geboren.
Als die beiden erstgeborene Götter darum stritten, wer das Recht haben sollte, die Herrschaft über die Erde anzutreten, forderten die anderen Götter sie zu einem Wettkampf auf. So formten sie die Erde und erschufen alle Tiere und Pflanzen nach ihrem Gutdünken. Zuletzt aber machten sie die Menschen. Sorghum belebte den ersten Krenat, Turag die erste Vanera, und gemeinsam belebten sie den Gründer der Meerstämme. Diese sollten entscheiden, wer die bessere Arbeit geleistet hatte. Nun hatte aber Turag 2 Köpfe, und der Krenat und der Meerbewohner wollten nicht von einer doppelköpfigen Göttin beherrscht werden, während alle anderen nur einen Kopf haben. So stimmten sie für Sorghum, die Vanera für Turag, weil sie auch eine Frau war. Also wurde Sorghum zum Götterkönig und zog mit den anderen Göttern über die Regenbogenbrücke zum Himmel hinauf, von wo aus er mit gnädigem Auge auf die Menschen herabblickt. Tief gekränkt schwor die zornige Turag einen furchbaren Eid. Da ihr der Platz im Himmel verwehrt war, stieg sie hinab unter die Erde, wohin sie von da an alle Menschen holt, wenn sie sterben.
Düster ragten die schwarzen Quader des Tempels in die Höhe. Jeder einzelne maß 5 Manneslängen und hatte ein Gewicht, daß ihn selbst sämtliche Einwohner Kenzais zusammen nicht hätten, auch nur um eine Fingerbreite, bewegen können. Mit bedächtigem Schritt näherte sich Shyakul dem großen Portal, das wie der aufklaffende Rachen einer Schlange geformt war. Seine Sänfte und die Eskorte hatte er am Rand des heiligen Bezirkes zurückgelassen, wie es der Ritus forderte. Der Vorhof, in dem die Blutschale stand, war von über mannshohen Pfählen umsäumt, auf denen die Köpfe der Geopferten staken. Ein süßlicher Geruch nach Blut und Räucherwerg schwängerte die Luft und erschwerte die Atmung. Es war ganz still. Selbst der Wind wagte es nicht, auch nur ein Blatt zum Flüstern zu bringen. Plötzlich, wie der Erde entwachsen, stand sie vor ihm im Rachen der Schlange wie eine schlanke Zunge. Ein wallendes, rotes Gewand umhüllte den biegsamen Körper der Hohepriesterin. Ihr Gesicht, das noch kein Mensch jemals erblickt hatte ohne zu sterben, verbarg sich hinter der silbernen Wolfsmaske. Shyakul kniete mit gesenktem Kopf nieder. Hier hatte nur Skadi Macht, die Macht der Turag.
Du möchtest mir einen Traum erzählen, König?
Ihre dunkle Stimme war kalt und hochmütig wie immer. Shyakul liebte Skadi, weil sie so schön war, und er haßte sie, weil sie ihm nicht minder als alle anderen Menschen verachtete. Aber er fürchtete sie auch, da sie seine Herrschaft jederzeit beenden konnte, wenn er sich ihre Feindschaft zuzog. Doch Skadi griff niemals aus eigenen Antrieb in die Geschicke der Menschen ein, sie hatte auch untätig den Machtwechsel beobachtet und Shyakul als neuen König begrüßt, dem sie ihre Hilfe gewährte wie zuvor Aanurim.
Shyakul fragte sich wieder einmal, was aus seinem Vorgänger geworden war. Das Volk munkelte, Skadi habe ihn getötet, andere behaupteten, er lebe irgendwo unerkannt. Doch die Hohepriesterin schwieg, und keiner hatte es je gewagt, ihr zu fragen.
Er gab sich einen Ruck und erinnerte sich ihre Frage.
Ja, Erhabene
, erwiderte er demütig.
So tritt ein und bringe der Herrin dein Opfer dar.
Sie drehte sich um und bewegte sich leicht wie eine Feder ins Tempelinnere. Betrachtete man genau die Füße in den juwelenverzierten Sandalen, sah man, daß sie den Boden nie berührten. Shyakul ging zur Blutschale, tauchte die Rechte in die warme Flüssigkeit, die nie gerann, und netzte sich Stirn, Lippen und Brust. Erst jetzt durfte er Skadi folgen.
Der Tempel war ewig finster, allein von der Hohepriesterin ging ein mystisches Leuchten aus. Ehrfürchtig kniete der König nieder und rutschte auf die 40 Manneslängen hohe Skulptur der Turag zu, die in sitzender Haltung dargestellt war. Skadi schwebte in ihrer rechten Hand. Shyakul zog unter seinem reichbestickten Umhang ein kleines Päckchen hervor. Er entfernte die Verpackung und enthüllte ein noch blutiges menschliches Herz, das er in die linke Hand der Göttin legte. Im gleichen Moment begannen ihre 4 Augen zu glühen. Es wurde heller, so daß man die obszönen Reliefe an den Wänden erkennen konnte. Gleißende Strahlen, die aus den Augen Turags schossen, trafen sich im Herz, das sich langsam aufzulösen begann. Das Licht erlosch erst, als nicht einmal ein Blutfleck mehr zu sehen war. Shyakuls Opfer war angenommen worden.
Nun
, sagte Skadi leise, erzähle deinen Traum.