Aus den Sagas der Krenat:

Als der Blitzspeer Cyneras das Auge Sorghums traf und ihn blendete, fielen die Splitter auf die Erde. Sie sehen wie wunderschöne Diamanten aus und sind schwarz. Ihr Glanz verlockt viele Krenat, Vanera und auch so manchen Angehörigen der Meerstämme, sie aufzuheben und zu betrachten. Ein jeder sieht in den Splittern, was er sich wünscht: unermessliche Schätze, schöne Frauen und vieles mehr. Doch sogleich senken sich alle Untugenden in ihre Herzen, und sie streben danach, diese Schätze zu erlangen unter Opferung ihrer und ihrer Mitmenschen Leben.

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Die Zahl der Vanera war gering. Sie lebten im Westen in kleinen Dörfern, die sich in dichten Wäldern verbargen, in denen sich jeder Fremde verirrte. Die Krenat fürchteten sich vor ihnen, da sie der Turag huldigten, der schrecklichen Todesgöttin mit den zwei Köpfen. Stand einem Mann ein Kampf bevor, sollte eine Frau gebären oder drohte ein anderes gefährliches Ereignis, erflehte der Betreffende von Turag eine Vision. Erschien sie in der Nacht und wandte ihm ihren häßlichen, schwarzen Kopf mit dem Schlangenhaar, den roten Augen und dem blutigen Mund zu, wußte er, daß er sterben mußte. Zeigte sie ihm dagegen ihr schönes, helles Gesicht mit dem weißen Haar, den grauen Augen und den lächelnden Lippen, blieb er am Leben. Überall standen ihre Altäre im Land, doch gab es nur einen Tempel, in der Hauptstadt Kenzai, wo die Hohepriesterin Skadi, die Zauberin mit dem weinroten Haar, Turags Willen verkündete. Ein schrecklicher Mann war auch der König der Vanera, Shyakul mit Namen. Sein Herz war von einem der vielen Splitter vergiftet worden.

Als Shyakul damals, vor fünf Jahren, einen Splitter von Sorghums Auge fand, war er ein kräftiger junger Mann gewesen. Als Sohn des Grafen eines kleinen Dorfes hatte er großes Ansehen, aber trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - wirkte er eher zurückgezogen. Als er dann in den schwarzen Diamanten hineinblickte, da sah er keine Schätze und auch keine lieblichen Frauen. Vor seinen Blicken entwickelten sich Grausamkeiten, wie er sie sich nie vorzustellen gewagt hatte. Und er freute sich daran!

Schon bald wußte er, daß das kleine Dorf kein Ort für ihm war. Es zog ihn zur einzigen Stadt des Landes. Am Hof des alten Königs Aanurim wurde er anfangs mit offenen Armen empfangen, aber schon bald erkannten die anderen Höflinge seinen wahren Charakter. Nicht nur durch Intrigen, sondern auch mit Hilfe von Drohungen, Erpressung und sogar kaltblütigem Mord bahnte sich Shyakul seinen Weg nach oben. Innerhalb eines halben Jahres war es ihm gelungen, zum wichtigsten Vertrauten des alten Königs zu werden, und kurze Zeit später dankte Aanurim zu Gunsten des jungen Shyakuls ab und verschwand. Das Volk wagte nicht, gegen die Herrschaft des neuen Königs zu protestieren, denn seine Garde kontrollierte die Stadt und die wichtigsten Ortschaften. So macher, der unangenehm auffiel oder sich in früheren Zeiten die Feindschaft Shyakuls oder eines seiner Soldaten zugezogen hatte, wurde aus dem Kreis seiner Familie gerissen und verschwand in den unterirdischen Verließen des Palastes, starben auf den Altären der Turag oder wurden in den Arenen von blutgierigen Bestien zerfleischt. In Kenzai hatte es schon regelmäßig Kampfspielen in dem Arena gegeben, jetzt aber wurden sie von einem solchen Grausamkeit, daß sogar geriebener Kämpfer beim Zuschauen übel wurden. Nur Shyakul genoß diese Szenen.

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Am elften Tag des achte Mondes brach Fleet auf. Zusammen mit einer der letzten Flüchtlingsgruppen ihres Dorfes begann sie eine Reise, von der niemand wußte, wo sie enden würde. Zunächst war es einfach. Sie zogen durch viele fast leere Krenatdörfer. Mitte des zweiten Tages aber wurden sie von Wegelagerern überfallen. Der Angriff konnte zwar abgewehrt werden, ehe etwas ernstes passierte, doch der Zwischenfall zeigte deutlich, wie wenig sicher die Gruppe auf ihrem Weg war.

Für Fleet aber hatte dieses Intermezzo eine noch größere Bedeutung. Als die Räuber unerwartet hinter einem Busch hervorstürmten, war sie vor Angst erstarrt, und erst als die Angreifer schon längst geflohen waren, beruhigte sie ein wenig. Den meisten Frauen aus der Gruppe war es genauso ergangen, und keiner hätte daran gedacht, ihnen deswegen Vorwürfe zu machen. Schildmädchen wie bei den Meeresstämmen, kannten die Krenat nicht. Ihre Frauen hatten nur die Aufgabe, sich um den Haushalt und die Kinder zu kümmern. Doch irgendwie glaubte Fleet, daß sie nicht wie die anderen Frauen war. Sie fühlte in sich eine, ihr bis dahin unbekannte, Kraft aufsteigen. Deshalb ging sie am gleichen Abend noch zum Anführer der Gruppe und bat ihn, ihr die Handhabung des Schwertes zu lehren.

Jansur lachte Fleet zunächst aus. Der Kampf sei kein Handwerk für eine Frau, besonders nicht für eine so hübsche. Außerdem, fügte er hinzu, haben wir nur wenige Waffen dabei, von denen wir keine entbehren können für jemanden, der keine Kampferfahrung hat.

Fleet wich seinem Blick nicht aus als sie erwiderte: Gerade weil wir nur so wenig Kämpfer haben, solltest du jede Möglichkeit nutzen, ihre Zahl zu vergrößern, und unsere Kampfkraft zu verbessern. Auch braucht mir keiner deiner Männer seine Waffe zu leihen.

Daraufhin zog sie die Klinge ihres Vaters aus dem Gepäck. Jansur ergriff das Schwert und wog es prüfend in der Hand. Er pfiff anerkennend, nachdem er mit den Daumen die Schärfe der Schneide geprüft und einige Hiebe damit versucht hatte. Es schien sich förmlich in die Hand des Tragers zu schmiegen.

Eine schöne Waffe. Wo hast du die denn her?

Sie gehörte meinem Vater, log sie. Er hat sie zu seiner Meisterprüfung gemacht, aber nie verkauft. Er sagte, sie würde mir Glück bringen.

Ich habe noch nie eine bessere gesehen, außer vor ein paar Jahren. Damals war ich Söldner - wir kämpften gegen die Steppenreiter, die unsere Ostgrenze bedrohten - und einer von uns hatte ein altes Schwert, das die Schmiede angefertigt hatten. Paß gut auf deine Waffe auf, Fleet. Sie könnte so manchen verleiten, sie dir wegzunehmen.

Du hast meine Frage noch immer nicht beantwortet, drängte Fleet

Also gut, antwortete Jansur zögernd. Ich werde sehen ob ich jemand finden kann, der dich unterweisen will. Aber jetzt geh schlafen, denn wir haben morgen wieder einen anstrengenden Tag vor uns.

Als die Gruppe am nächsten Morgen aufbrach, kam ein freundlicher Mann namens Kyrdo zu Fleet. Sie kannte ihn als gutmütigen Wirt, aber es stellte sich heraus, daß er in seiner Jugend einer der besten Schwertkämpfer des Dorfes gewesen war. Während des langen Tagesmarsches erklärte er ihr die Grundregeln des Schwertkampfes und zeigte ihr die einfachsten Griffe. Dabei zeigte Kyrdo eine solche Geschicklichkeit, die niemand dem kleinen untersetzten Mann zugetraut hätte.

Fleet hörte genau zu und, trotz des anstrengenden Marsches, zwang sie sich selbst, all das, was Kyrdo ihr erklärte, zu üben. Dabei lernte sie erstaunlich schnell, so daß Kyrdo am Ende des Tages zugeben mußte, daß sie einer seiner besten Schüler war.

Fleet selbst war inzwischen nicht wenig über ihre eigenen Fähigkeiten erstaunt. Das Schwert war wirklich leicht zu führen, und manchmal schien es ihr sogar, daß es ein eigenes Leben hatte und sie führte, statt umgekehrt. Ihr kam der Gedanke, daß der Traum ihres Vater vielleicht doch mehr war als nur ein Traum.

Auch andere hatten ihre Fortschritte bemerkt, und Fleet spürte die aufkeimende Eifersucht der anderen Frauen. Sie dachte sich aber weiter nichts dabei. Viel mehr Sorgen bereitete ihr die ablehnende Haltung vieler Männer, die der Meinung waren, eine Frau sollte ein Schwert nicht einmal zum Säubern anfassen. Und wie Jansur es vorausgesehen hatte, warfen viele, die kein Schwert besaßen, begehrliche Blicke auf ihre Waffe.

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