Vorherige | Nächste

Aus den Sagas der Krenat:

Die Götterkönigin Cynera frevelte, indem sie den ungläubigen Krenat die Flut sandte. Doch diese Strafe ist einzig Sorghum, dem Götterkönig, vorbehalten. Aus Zorn verstieß er sie und schickte sie über die Regenbogenbrücke auf die Erde. Dort muß Cynera unter den Krenat, den Vanera und den Meerstämmen leben. Aber die gefallene Göttin sann auf Rache. Sie warf ihren Blitzspeer nach dem Götterkönig und blendete sein einziges Auge. An diesem Tag verdunkelte sich der Himmel. Bei den anderen Göttern und den Menschen verbreitete sich darüber großes Entsetzen, denn da Sorghum seines allsehenden Auges beraubt war, konnte er Cynera nicht mehr in ihre Schranken verweisen. Er befahl Tsoruzak, dem Gott der Kunst, ihm ein neues Auge zu schmieden. Aber sein neues Auge ist nicht allsehend und die Tage sind nicht mehr so hell wie zuvor. Aus Angst vor Cyneras Rückkehr belegte Naida, die Kriegsgöttin, die Regenbogenbrücke mit einem mächtigen Zauberbann, so daß Cynera noch immer auf der Erde verweilen muß. Seitdem stöhnen die Krenat, die Vanera und die Meerstämme unter ihrer Geißel und flehen zu den Göttern, daß der Tag, an dem ihre Macht enden wird, nicht mehr fern sei.

*

Wieder war ein Krenatdorf von Kristallkriegern verwüstet worden. Den siegreichen Legionen konnte nichts widerstehen, weder Feuer, noch Wasser, weder Stahl, noch Stein. Unaufhaltsam erweiterten sie die Grenzen von Cyneras Reich und entführten Menschen, für die es keine Wiederkehr mehr gab. Selbst die Grenzherzöge waren Machtlos und wichen vor ihnen zurück, währen die Steppenreiter kampflos ihre verlassene Städte eroberten, um wenig später wieder von den Kristallkriegern vertrieben zu werden. Viele Krenat waren deshalb schon in den Westen geflohen, obwohl sie sich vor den dort lebenden Vanera fürchteten. Doch bald würden die ersten Kristallkrieger auch dort erscheinen und ihre schreckliche Aufgabe erfüllen. Schon seit Tage wurde es immer kälter, und gestern war die erste Schnee schon gefallen - und das mitten im Monat Katkan. In wenigen Tagen würden die Kristallkrieger Brae erreichen, und dann würden Schnee, Eis und lebensfeindliche Kälte nie mehr weichen.

Wir müssen fliehen, Vater, drängte Fleet. Fast alle sind schon weg.

Mydas, der blinde Schmied, schüttelte sein müdes Haupt.

Für mich ist es zu spät - genauso, wie für die anderen Alten. Du mußt dich allein auf den Weg machen.

Dann bleibe auch ich! entgegnete sie heftig.

Du redest Unsinn, Fleet, das weißt du. Was nützt es mir, wenn du stirbst? Gestern habe ich mein Werk vollendet. Es ist mein Vermächtnis, von dem ich weiß, daß es die Menschen retten wird, wenn es von der richtigen Hand geführt wird.

Fleet wurde ärgerlich, und ihre grünen Augen blitzten.

Du und dein Vermächtnis! Das war doch nur ein Traum, und du nimmst ihn auch noch Ernst ...

Mydas ließ sie reden. Er wußte, daß es kein normaler Traum gewesen war, den er vor mehr als drei Jahren gehabt hatte. Es war in jener Nacht gewesen, in der er sein Augenlicht eingebüßt hatte. Beim Schmieden eines Schildes waren ihm zwei Funken in die Augen gesprungen. Mit ölgetränkten Binden über den ausgebrannten Höhlen und starken Schmerzen war er durch ein Rauschmittel in tiefen Schlaf gesunken. Er fing an zu träumen von einer Frau mit goldrotem Haar, das ihr rundes Gesicht wie Feuer umloderte. Es schien eins zu sein mit dem gleichfarbenen Gewand, das ihren Körper umwallte.

Ich bin Katkan, die Feuergöttin, sagte sie zu ihm, und was dir heute widerfuhr, war der Wille Sorghums, unser aller König. Du bist auserwählt, den Grundstein zu Cyneras Ende zu legen. Ich werde dir einen Ort zeigen, an dem du das Mittel dafür findest.

Jetzt erst sah Mydas, daß sie vor seinem Haus stand. Katkan winkte ihm zu und ging in den Wald. Sie folgte einem Pfad, dem er nicht kannte, und der auf einer Lichtung endete. Sie wies auf eine Stelle im Gras, an dem etwas Schwarzes glänzte und funkelte.

Sieh, Mydas, es ist ein Splitter von Sorghums Auge. Nimm ihn, verbirg ihn vor den Augen der Menschen, und schleife ihn. Forme ihn zu einer Schwertklinge.

Aber wie soll ich das, wo ich doch blind bin?

Deine Hände werden für dich sehen.

Damit verschwand Katkan, und Mydas erwachte. Als er sich erholt hatte, gehorchte er dem Befehl, den ihm die Göttin erteilt hatte, und tatsächlich fand er den Weg zu der Lichtung. An jener Stelle lag auch der große Splitter von Sorghums Auge. Er hob ihn auf und befühlte das glatte, harte Material, das weder kalt, noch warm war. Sorgfältig barg er es unter seinem Umhang, brachte es in sein Haus und versteckte es. Nachts, wenn alle schliefen, begann er mühsam das Schwert zu formen. Mydas Hände sahen und taten, was erforderlich war. Nach drei Jahren war eine schlanke Klinge fertiggestellt und einem reichverzierten Heft angepasst worden. Der Splitter hatte seine ursprüngliche Kraft verloren. Welche ihm jetzt innewohnte, würde sich noch erweisen. Das Schwert ruhte in einer schlichten Schneide an einem sicheren Ort und wartete auf den, von den Göttern bestimmten, Träger.

Fleet, sagte Mydas eindringlich, als seine Tochter endlich schwieg, du wirst mir gehorchen. Gehe in meine Kammer, und schiebe das Bett beiseite. Eines der Bodenbretter ist lose. Darunter liegt ein Schwert. Nimm es an dich, und fliehe sofort in den Westen.

Fleet strich mit einer müden Bewegung ihre hellbraunen Locken aus dem Gesicht.

Ist das wirklich dein Wunsch, Vater?

Ja. Es ist mein Wunsch. Und es ist der Wunsch der Götter. Geh, mach dich für die Reise fertig.

Das Mädchen trat ins Haus. Allein saß Mydas auf der Bank unter dem Erle, deren Laub leise flüsterte. Es war, als spräche der Baum Trostworte zu ihm.

*
Vorherige | Nächste