Aus den Lieder der Meerstämme:
Nachdem Sorghum Berau, den ersten Krenat, und Turag Lai, die erste Vanera, erschaffen hatten, belebten sie gemeinsam Gonna, den Vater aller Meeresstämme. Als er sah, daß sich Lai und Berau liebten und viele Kinder hatten, wurde er sehr traurig, weil er keine Gefährtin hatte. Während er am Meeresstrand saß und weinte, rauschte es plötzlich zu seinen Füßen und die tiefblauen Wogen begannen sich zu teilen. Aus der Tiefe kam Yarrow, der Meeresgott, den die Tränen Gonnas gerührt hatten. Er fragte ihm nach seinem Kummer und Gonna erzählte dem Gott, was ihm betrübte. Daraufhin verlieh ihm Yarrow die Macht, sich eine Frau unter den Tieren zu wählen und ihr menschliche Gestalt zu verleihen.
Er wählte eine Löwin, deren Mut im Kampf mit einem Bergdrachen ihn beeindruckt hatte. Er verwandelte sie in eine schöne Frau, die er Sira nannte. Mit ihr hatte er zwölf Kinder, die Gründer der Meerstämme. Die Namen seiner Söhne lauten Cord, Lear, Galen, Nidda, Arun, Lun und Shim, die seiner Töchter Debra, Kitra, Zyra, Esha und Fran.
Auch sie wählten sich Tiere als ihre Gefährten nach Yarrows Wille. Die Nachkommen Berans und Lais verachteten die zwölf Stämme wegen ihrer Abstammung und vertrieben sie, so daß sie sich Schiffe bauten und aufs Meer hinaussegelten. Schon bald begannen sich die Stämme um die reichsten Fischgründe zu streiten und sich gegenseitig wegen ihrer Herkunft zu verachten. Sie trennten sich, und immer wenn ihre Schiffe sich begegnen, kämpfen sie um die Vorherrschaft auf See.
Wie ein Flickenteppich bunt sahen die Wohnschiffe von oben aus. Sie waren miteinander durch Taue und Stege verbunden und ankerten im seichten Wasser der blauen Lagune im Süden der Insel Urbona. Es gab nichts, daß sie von einer Stadt an Land unterschied. Die Menschen wohnten dort, wenn sie nicht mit ihren großen Handelsschiffen, die schwer bewaffnet waren, unterwegs waren, tauschten oder verkauften ihre mitgebrachten Waren, erholten sich und rüsteten ihre Schiffe für die nächste Fahrt. An Land gingen sie nur, um mit den Krenat oder Vanera Handel zu treiben, oder Süßwasser und Proviant aufzunehmen. Urbona war die Insel der Lears, einen Meerstamm, dessen Angehörigen einen goldenen Ring am rechten Ohrläppchen trugen.
Rabe stieg auf den einzigen Berg der Insel, den Kol. Da man von hier aus früh feindliche Flotten erspähen konnte, stellte man einen kleinen Wachtposten auf, dessen Mannschaft regelmäßig abgelöst wurde. Nach seiner Rückkehr wollte Rabe seinen Freund Feuervogel sprechen. Das Wachthäuschen am Gipfel war nicht sehr groß und zweckmäßig den Bedürfnissen von zwölf Männern angepaßt. Feuervogel, der gerade Freiwache hatte, entdeckte ihn und kam ihm das letzte Stück entgegen.
Rabe, du kommst spät! Wir haben dich schon vor zwei Wochen erwartet.
Sie setzten sich auf einen bemoosten Felsvorsprung. Rabe nickte nur und strich über seinen sorgfältig geschnittenen Schnurrbart. Im Gegensatz zu Feuervogel war er sehr ruhig und sprach wenig. Er war schlank und groß für einen Lear, hatte tiefgebräunte Haut und kurzes, schwarzes Haar, zu dem die blauen Augen einen angenehmen Kontrast bildeten.
Es gibt böse Nachrichten.
Bereiten die Galen wieder einen Krieg gegen uns vor?
Feuervogels graue Augen verschmälerten sich. Es war genauso groß wie Rabe, aber etwas breiter in den Schultern und blond.
Die Gefahr kommt vom Festland. Die Gerüchte, die wir auf den letzten Fahrten hörten, sind wahr. Aus dem Reich Cyneras kommt ein gewaltiges Heer Kristallkrieger.
Na und? Auf dem Meer sind wir sicher.
Du irrst! Wenn die Kristallkrieger die Landbevölkerung vernichtet haben, werden sie sich uns zuwenden. Das ist der Krieg der Kriege, den die Lieder prophezeit haben, den wir nur gewinnen können, wenn sich alle Völker gegen Cyneras Legionen vereinigen.
Der Gang schien endlos zu sein. Immer wieder zweigten Seitengänge von ihm ab, so daß Fleet Mühe hatte, die Richtung zu behalten. Aus einem hörte Fleet das leise Murmeln von Stimmen, und vorsichtig folgte sie dem Geräusch.
Sieh dir diesen Anführer an!
, knarrte eine Stimme. Dieser Kerl glaubt doch tatsächlich, er könnte so einfach die Hügel der Magier überqueren.
Eine ganz helle Stimme antwortete ihm. Dabei haben wir schon die halbe Gruppe gefangen, ohne daß er etwas dagegen hat unternehmen können. Bald wird der Dummkopf den Rückzug antreten lassen, und wir werden auch den Rest in unser Reich holen.
Sicher
, kicherte die erste Stimme wieder. Das wird einen Spaß geben! Es kommen in letzter Zeit viel zu wenig Verrückte hierher.
Fleet hatte sich vorsichtig einer Tür genähert, hinter der sie die Stimmen vermutete. Langsam drückte sie sie auf und sah durch den Spalt zwei gnomenhafte Wesen in dem dahinterliegenden Gemach. Sie erkannte, daß über ihre Begleiter gesprochen wurde und zögerte nicht länger, sondern zog ihr Schwert, stieß die Tür mit einen lauten Knall auf und sprang in das Zimmer.
Die beiden Gnome drehten sich ruckartig um und starrten Fleet an, die Augen vor Erstaunen unnatürlich geweitet. Da sie nichts gegen sie unternahmen, faßte Fleet Mut und befahl:
Ihr werdet uns künftig in Ruhe lassen und die Gefangenen freigeben.
Sie war von ihrem Befehlston selbst überrascht, aber die Reaktion der beiden Gnome war noch erstaunlicher. Sie fielen auf die Knie und senkten die Köpfe.
Jawohl, Herrin!
wisperten sie. Wir sind deine treue Diener und erfüllen alle deine Wünsche.
Einer der beiden Gnomen drehte sich um und fing an, magische Sprüche zu murmeln, während der andere mit den Fingern Zeichen in die Lunft malte. Sofort trat ein großer Mann hinter einem schweren Gobelin hervor. Fleet richtete sofort das Schwert auf ihm, aber der Mann, einer der niederen Dämone, blieb kerzengerade stehen.
Führe die Gefangenen hierher
, wurde Fleets Befehl weitergegeben. Der Diener verneigte sich und verschwand wieder.
Beide fielen wieder auf die Knie und senkten demütig ihre Köpfe. In dieser Haltung verharrten sie, bis die Gefangenen hereingebracht wurden. Diese starrten nur stumpf vor sich hin, als wären ihre Körper leere Hüllen ohne Geist und Verstand.
Herrin des Schwertes
, sprach der erste Gnom, es war nicht unsere Absicht, dich zu verstimmen. Wir haben nur versucht, die Befehle, die du unserem Volk vor so langer Zeit gegeben hast, auszuführen.
Wer seid ihr? Was habt ihr mit den Gefangenen gemacht?
fragte sie.
Ich bin Negird"Un Kest und das ist Gniwuo Hskil. Wir sind die zwei letzten aus dem Volk der Magier. Wir haben den Gefangenen nichts schlimmes getan, sondern sie nur ihren Willens beraubt, damit sie uns nicht gefährlich werden können. Wenn du es befiehlst, geben wir ihn ihnen zurück.
Bitte, Herrin, wir tun unser Bestes, aber es ist nicht einfach, das Vermächtnis unseres Volkes richtig zu verwalten. Sei uns nicht länger böse, weil wir falsch gehandelt haben.
Ich bin euch nicht böse, aber alle sollen sofort zu den übrigen zurückgebracht werden und mit ihnen ungehindert diese Hügel passieren können. Sind noch andere hier?
Der Gnom der sich Negird"Un Kest nannte murmelte etwas und machte beschwörende Bewegungen in die Richtung der Gefangenen. Diese wurden von einem plötzlich auftauchenden Nebel verschlungen und, als sich kurz darauf der Nebel auflöste, waren sie verschwunden.
Wenn du hinein siehst
, deutete Gniwuo Hskil auf eine Kristallkugel, dann kannst du sehen, wie sie die Hügel der Magier durchwandern. Es wird ihnen nichts mehr widerfahren. Und was deine Frage betrifft: Früher hatten wir noch andere Gefangene, doch holte sie Turag. Die Menschen meiden diese Gegend. Ihr seid seit langer Zeit die ersten Wanderer, die sich hierher wagten.
Vorsichtig trat Fleet näher, weil sie noch immer eine Falle vermutete. Doch da nichts passierte, blickte sie in die Kugel und sah, daß die ehemaligen Gefangenen von der überraschten Gruppe aufgenommen wurden. Sie konnte Jansur an seinem roten Haar erkennen, wie er auf die Verlorengeglaubten einredete, und, obwohl die Kugel keine Geräusche übertrug, glaubte sie, die vielen Fragen zu hören, die er allen stellte. Sie standen aber nur kopfschüttelnd da, offenbar konnten sie sich an nichts mehr erinnern.
Nach einiger Zeit setzte die Gruppe sich wieder in Bewegung, und Fleet wandte sich den beiden Gnomen zu.
Wir sind froh, daß du endlich gekommen bist
, sprach Gniwuo Hskil. Jetzt wird alles wieder gut. Jetzt, wo du uns führen wirst, wird das Volk der Magier wieder zu seiner einstigen Größe erblühen. Wir kennen alle Überlieferungen, und wir wissen, daß du gut für uns sorgen wirst.