Aus den Sagas der Krenat:
Alle Götter haben heilige Plätze, an denen sie sich gerne aufhalten. Dort befinden sich ihre Altäre, an denen die Krenat und Vanera in Demut opfern. Einer dieser Orte ist Calderon, ein kleiner Eichenhain, in dem der Quell der Asere entspringt. Dort befindet sich ein großer, fast quadratischer Stein, dessen Farbe an Blut erinnert. Niemand weiß, wer diesen Stein dort aufgestellt hat, denn solche roten Steine gibt es nur auf der Insel Mirador. Es ist ein Altar der Göttin Turag, fast vergessen von allen, seit sich die Vanera in den Westen zurückgezogen haben, denn kein Krenat wagt sich in die Nähe eines Ortes der schrecklichen Todesgöttin. Es heißt, hier haben die Vanera-Zauberer mit einem Blutopfer die Seelen der Verstorbenen beschworen, um von ihnen die Geheimnisse der Unterwelt zu erfahren.
Die Schneeflocken fielen so dicht, daß man nur verschwommen grau die ferne Umrissen einiger Bäume erkennen konnte. Über die Landschaft hatte sich eine dichte Schneedecke gebreitet, in der die Spuren der Pferde rasch wieder verschwanden. Es war sehr kalt, und es wehte ein schneidender Wind, der an den Umhängen der Männer zerrte und in den Falten die Flocken zu Eis erstarren ließ. Der vorausgesandte Späher kehrte zurück und zügelte sein Pferd neben Dorin.
Mein Fürst
, meldete er, vor uns liegt ein Eichenwäldchen, das vom Schnee verschont geblieben ist.
Endet dort die Schneezone?
Nein, sie setzt sich so weit fort, wie das Auge reicht. Allein der Wald ist wie durch ein Wunder frei davon. Es ist dort sogar der Jahreszeit entsprechend warm. Ich sah einige Tiere, Beeren und Pilze, so können wir auch unsere Vorräte ergänzen. Wasser ist ebenfalls vorhanden.
Dorin überlegte schnell. Da er mit einer Oase nicht gerechnet hatte, war sein Plan gewesen, so rasch wie möglich Cyneras Machtbereich zu verlassen, um ein Heer gegen die Kristallkrieger aufzustellen. Die Männer waren aber erschöpft vom Kampf und dem anstrengenden Ritt. Ausgeruht und mit frischen Vorräte versehen, würden sie besser vorankommen.
Er rief seine fünf Unterführer zu sich und teilte ihnen die Entdeckung des Spähers mit.
Allerdings müssen wir damit rechnen
, schloß er, daß es sich dabei um eine Falle Cyneras handelt. Möglicherweise erwarten uns ihre Kristallkrieger oder andere Ungeheuer. Während die übrigen ausruhen, sollen jeweils zehn Männer Wache halten. Wir bleiben zwei Tage und ziehen dann weiter.
Geführt vom Späher erreichten sie am frühen Nachmittag den Eichenhain. Als sie an der Baumgrenze anlangten, änderte sich das Wetter abrupt. Ein kleiner Riß in der dichten grauen Wolkendecke ließ Sorghums goldenes Auge freundlich herabschauen.
Die Männer ließen mit dem Schnee sogar ihre düstere Stimmung hinter sich, so wohl taten ihnen Licht und Wärme. Sie lachten und machten einige derbe Witze. Mache beugten sich herab, um eine handvoll Beeren von den Sträuchern zu streifen. Dennoch blieben sie wachsam, aber es war nichts zu sehen, außer einige Vögeln und wilden Schafen, wovon drei erlegt wurden. Das würde für heute genug Fleisch sein, morgen sollten mehr Tiere gejagt werden.
An der Quelle errichteten sie das Lager. Die Pferde wurden abgesattelt und die Schlafdecken um das Feuer angeordnet. Die Unterführer benannten die Wachen, zu denen auch Dorin sich einteilen ließ, und diejenigen, die die Schafe zubereiten sollten. Als die Nacht hereinbrach, trat an die Stelle des Auges von Sorghum das von Ansar. Neben ihm blinkte besonders hell der Stern des Sorbas.
Dorin gehörte zu den Männern, die die erste Nachtwache hatten. Er schritt durch das Lager, alles war still bis auf einige Vogelstimmen, das Schnarchen der Schlafenden, die Schritte und die wenigen geflüsterten Worte der anderen Wächter. Da er noch Hunger verspürte, schnitt er sich ein Stück Fleisch von dem halben Tier, das übrig geblieben war. Dabei rutschelte sein Messer am Knochen ab und fuhr in seine linke Hand. Dorin fluchte leise ohne zu bemerken, daß einige Bluttropfen auf den großen roten Stein fielen, auf den man die Reste der Mahlzeit gelegt hatte.
Was ist passiert, mein Fürst?
Die Frage hatte sein Unterführer Fanamat, der unbemerkt näher gekommen war, gestellt.
Nichts, ich habe mich nur geschnitten. Nicht weiter der Rede wert.
Im Mondlicht erkannte Dorin, daß der Schnitt nicht tief gewesen war, sondern nur die Haut geritzt hatte. Er würde rasch heilen.
Als die zwei Stunden verstrichen waren, hüllte er sich in seine Decke und fiel trotz Erschöpfung in einen unruhigen Schlummer. Er träumte von dunklen Schatten, die ihm winkten, und an riesigen Wölfen vorbei in eine finster Welt führten. Plötzlich nahm einer der Schatten Gestalt an.
Sairi!
Das war unmöglich! Seine Frau hatte sich doch getötet, als die Steppenreiter die Stadt eroberten. Und neben ihr standen seine fünf Kinder. Sie trug sogar das lange hellblaue Kleid, in dem sie gestorben war. Nur der Schmuck fehlte. Den mochte irgeneinder der Barbaren um den Hals seiner Lieblingsdirne gelegt oder gegen einige Pferde eingetauscht haben. Vielleicht war das Rubinkollier auch von einer dicken Schneedecke begraben worden.
Dorin ließ es geschehen, daß die Frau seine Hände ergriff und die Kinder sich an ihn drängten.
Willkommen, mein lieber Gemahl! Sei willkommen in Turags Reich.
Es gab keinen Zweifel. Es mußte Sairi sein, die vor ihm stand, die er mit seinen Händen fühlen konnte. Er erkannte ihre Stimme, ihr zartes Parfum und sah, daß ihr rotes Haar an den Schläfen die zwei silbernen Strähnen hatte, die es schon seit ihrer Kindheit durchzogen.
Wie ist das möglich?
flüsterte er. Wie kannst su und die Kinder... wieso können wir uns hier begegnen?
Dorin schloß sie in seine Arme und unter Tränen erzählte Saidi:
Als wir tot waren, gingen unsere Seelen in Turags Reich hinüber. Hier leben wir als die gestaltlosen dunklen Schemen, die du überall sehen kannst. Es sind alles die Seelen der Verstorbenen, die durch die Unendlichkeit des Todesreiches irren auf der Suche nach Angehörigen, bis die hungrigen Unterweltswölfe sie fangen und fressen. Auch wir sind so, doch da wir rasch hintereinander starben, hatten wir das Glück uns zu finden und blieben zusammen. Als du nach Calderon kamst, hast du Turag geopfert. Dein Blut fiel auf ihren Altar. Das bewirkte zusammen mit deiner Sehnsucht nach uns, daß die Göttin uns erlaubte, dich noch einmal in unserer ursprünglichen Gestalt zu sehen.
Was ist mit meinen Männern?
fragte Dorin. Was geschieht jetzt in Calderon?
Der Grenzherzog vergaß als Soldat und Herrscher nichts, auch dann nicht, als sein Herz von der Wiedersehensfreude erfüllt war. Sairi verstand das.
Ihnen wird nichts geschehen, solange sie in Calderon sind, denn Turag schützt sie vor Cynera. Dein Körper schläft, denn nur dein Geist ist hier. Anders können Lebende die Unterwelt nicht betreten.
Sairi, sage mir, wenn ich als Lebender hierher gelangen konnte, ist es möglich euch mit mir zu nehmen, wenn ich zurück muß?
Nein, denn die Unterweltswölfe bewachen die Pforten der Unterwelt, damit keine Seelen entkommen können.
Dorin ließ sie los, ging einige Schritte in die Dunkelheit hinein und drehte sich dann wieder zu seiner Familie um.
Ich kann es nicht ertragen, euch ein zweites Mal zu verlieren. Es muß einen Weg geben, Turag und die Wölfe zu überlisten.
Sairi schüttelte den Kopf.
Nein, Dorin, es ist unmöglich. Bitte, sprich nicht mehr davon, sondern laß uns die kurze Zeit, die uns noch einmal vergönnt wurde, genießen.
Vater
, unterbrach Pendur, Dorins Ältester, seine Mutter. Vater, mir fällt etwas ein. Als wir in Turags Reich kamen, nahmen uns Dämonen in Empfang - so wie alle anderen. Wir wurden vor die Göttin geführt, die über die Taten im Leben richtet, indem sie strafte oder belohnt. Dabei kamen wir durch riesige Gewölbe. In einem davon bewahrt die Göttin ihre Schätze auf. Wenn es uns gelingt, etwas zu stehlen, vielleicht kannst du damit unsere Freigabe erzwingen.
Bitte, Vater, versuche es
, bat Vilaria, das jüngste Mädchen.
Dorin strich über ihr dunkles Haar und sah auch die traurigen Augen Sris, die nur flüsterte: Wenn meine Zeit der Belohnung abgelaufen ist, während ich Dienerin Turags bin, ist meine Seele frei für die Wölfe, und sie dürfen mich fressen. Ich habe solche Angst davor.
Der Grenzherzog wandte sich wieder an seinen ältester Sohn.
Wird die Kammer bewacht, Pendur?
Ja, von zwei Wölfen. Ich traue mir zu, sie fortzulocken, während ihr etwas stehlt.
Das ist viel zu gefährlich
, warf Sairi ein.
Aber unsere einzige Chance
, stand der zweite Sohn Asher zum Vorschlag IFines Bruders. Ich bin schon mehr Wölfen entkommen.
Also gut
, stimmte Dorin zu. Wir wollen uns beeilen. Ich weiß nämlich nicht, wie lange ich noch hierbleiben kann.
Sie eilten in die Finsternis hinein. Dorin konnte nur wenig erkennen, aber die anderen, an die Finsternis gewöhnt, sahen den Weg deutlich. Sie führten Dorin durch mehrere Hallen, in denen gewaltige Fontänen aus Feuer, die jedesmal eine andere Farbe hatten, loderten. Um sie herum wuchsen glitzernde Bäume und Blumen aus den Tränen derer, die ihre Tote beweinten. Für jede vergossene Träne wuchs eine neue Blume.
Sie gingen durch Hallen, in denen Seelen in schwarzen Flüssen und Seen badeten und schwarze Früchte verzehrten. Es gab Gewölbe mit riesigen Boltichen, in denen Dämonen allerlei Zauber brauten. In anderen wurden Seelen gefoltert und der Schlaf von Wesen bewacht, wie kein Mensch sie jemals erblickt hatte. Sie sahen Kammern, die angefüllt waren mit den Grabesbeigaben und geopferten Schmuckstücken, mit Schätzen, die die Dämonen aus allen Teilen der Welt zusammengetragen hatten, und herrliche Waffen. Doch für all die wunderbaren und schrecklichen Dinge hatte Dorin kein Auge. Das einzige, was er nahm, war ein rötlich leuchtendes Schwert, da er seine Waffe vor dem Schlaf abgelegt hatte und er seine Familie, der es nicht möglich war, etwas davon zu tragen, verteidigen wollte.
Es gibt unzähliche solcher Hallen
, erklärte Sairi. Niemand weiß wieviele und was sich darin alles befindet. Aber jetzt sind wir gleich da.
Pendur tat sie, einen Moment zu warten, während er die Wölfe ablenken wollte. Kaum hatte er sich einige Schritte entfernt, war er in der Finsternis verschwunden. Nach einer Weile gingen sie weiter.
Nun mach schnell
, drängte Sairi, als sie in den Gewölbe standen, damit wir diesen Ort rasch wieder verlassen können.
Dorin hatte kaum Zeit, sich umzusehen. Die Dinge, die sich hier befanden, waren eher unscheinbar, und nicht immer war zu erkennen, worum es sich überhaupt handelte. Er griff nach etwas, das besonders sorgfältig auf einem roten Samtkissen plaziert war ohne zu wissen, warum er gerade diesen Gegenstand gewählt hatte, und barg ihn unter seinem Hemd. Schon spürte er Sairis Hand, die ihm wieder herauszerrte. Sie rannten den Weg, den sie gekommen waren, zurück. Unterwegs schloß sich ihnen Pendur an, der nur knapp den beiden Bestien entkommen war.
Sie zählten nicht, wieviele Hallen sie durchquerten, doch schienen es unendlich viele zu sein. Als sie die Pforte erreichten, wurde sie von einem Unterweltswolf versprrrt. Die gelben Lichter der Augen des grauen Tieres funkelten gefährlich.
Laß uns vorbei
, redete Dorin das Tier an. Wir haben etwas, das deiner Herrin gehört. Sie erhält es nur wieder, wenn du uns alle gehen läßt.
Er hatte kaum ausgeredet, da sprang der Wolf ihm an. Dorin riß das rote Schwert hoch und schnitt ihm die Kehle durch, doch von allen Seiten kamen immer mehr und bedrängten Sairi und ihre Kinder. Vilaria stieß einen Schrei aus, während Pendur mit einem Wolf rang.
Plötzlich stand ein graugekleideter Mann vor dem Grenzherzog. Mit seinem Stab stieß er einen Wolf zurück und zerrte Dorin durch das Tor.
Schnell, die Seite im Schicksalsbuch, auf der dein Tod geschrieben steht, ist noch nicht aufgeschlagen. Du kannst sie nicht mitnehmen, denn sie sind tot und müssen hier bleiben. Aber du hast zwei wertvolle Dinge erbeutet - bewahre sie gut!
Damit verschwand der Mann und auch die Pforte. Dorin schlug die Augen auf. Es wurde gerade hell. Er fühlte sich müde und benommen. Der Traum war fürchtelich gewesen und hatte schlecht vernarbte Wunden wieder aufgerissen. Sairi... Pendur... Asher... Quostod... Sri... Vilaria... Der graugekleidete Mann und die Wölfe. Die Dämonen und die Seelen. Kaleidoskopartig kehrten die Eindrücke zurück, verblaßten, nur der graue Mann blieb. Zweifellos war es der Gott Kalmos gewesen, der zu ihm gesprochen hatte. Er hatte zwei Gegenständen erwähnt, die Dorin aufheben sollte, aber es war ja nur ein Traum gewesen. Folglich war es Unsinn.
Dorin erhob sich und zog seine Stiefel an. Er griff nach dem Schwert und befestigte es an seinem Gürtel. Als er seine Decke zusammenrollen wollte, stieß er auf etwas hartes. Er schlug sie zurück und erstarrte. Vor ihm lag ein rotglühendes Schwert! Automatisch schob sich seine hand unter das Hemd und ertastete etwas weiches, anschmiegsames.
Dorin wurde blaß. Ein Traum und doch wieder nicht! Turags Zorn würde über sie alle kommen, wenn sie noch länger am Ort ihrer Macht verweilten. Sicher hatte die Göttin den Diebstahl noch nicht bemerkt. Eilig erhob er sich, nachdem er das Schwert aus der Unterwelt in der Decke verborgen hatte. Er weckte die Unterführer und befahl, sofort den notwendigen Proviant zu besorgen und danach aufzubrechen.
Die Soldaten murrten, da sie gerne länger gerastet hätten. Dorin erklärte ihnen, daß er im Traum erfahren hatte, daß es sich um ein Heiligtum Turags handelte. Mehr wollte er nicht verraten, um die Männer nicht zu sehr zu beunruhigen, doch bereits dies genügte, um sie, da sie die Todesgöttin fürchteten, zur Eile anzutreiben.
Schon wenige Stunden später ritten sie weider durch schneebedecktes Land. Die Gespräche der Männer waren erstummt und jeder beschäftigte sich mit sichselbst. Als Dorin, der wie immer an der Spitze ritt, wieder an Sairi dachte, rollte langsam eine Träne über seine Wange.
Dort unten ist das Meer
, sagte Skadi.
Und der Sturmsegler
, ergänzte Rabe.
Sie standen auf einer Düne, vor sich die See. An der Küste ankerte das Schiff des Lears, und er befahl Krake, das verabredete Fackelsignal zu geben, damit die Besatzung Schaluppen wassern ließ, um sie an Bord zu holen.
Warum segelst du mit uns?
, wollte Rabe wissen. Du kannst Mirador doch viel schneller erreichen.
Zu seiner Überraschung bequemte sich Skadi zu einer Antwort.
So wie die drei Erwählten der drei Völker in Pardos benötigt wurden, um die Schatulle zu holen, so benötige ich dich und dein Schwert auf Mirador, um den zweiten Schlüssel zu bekommen. Danach werden wir uns trennen, denn in Turags Reich muß ich allein gehen.
Sie erreichten den Strand kurz vor den Booten. Die Ruderer staunten, als sie Skadi entdeckten und ein beklemmendes Gefühl ergriff Besitz von ihnen. Jeder kannte die legendäre Priesterin und die Sagen, die sich um ihre Person rankten, aber noch niemand hatte sie gesehen, denn es hieß, daß sie nur selten Kenzai verlasse. Doch schnell machten die Neuigkeiten, die die Begleiter Rabes mitbrachten, die Runde, und die ersten bekundeten leise ihr Mißfallen über Skadis Anwesenheit.
Es ist unmöglich, sie loszuwerden
, versuchte Rabe die Männer und Frauen an Bord zu beruhigen, wir haben es schon versucht. Wir müssen Mirador auf schnellstem Wege erreichen. Dort suchen wir den zweiten Schlüssel und kehren nach Urbona zurück, um die Meerstämme zu vereinigen. Skadi wird unterdessen aus Turags Reich den dritten Schlüssel holen. Ich habe Skadis Wort, daß sie keinem von uns ein Leid zufügen wird.
Nur wenig überzeugt, machte sich die Mannschaft an die Arbeit. Der Anker wurde gelichtet und die Segel gesetzt. Skadi stand neben Rabe am Steuer und wies den Kurs.
Wenn wir das Strudelmeer umfahren, um Mirador zu erreichen, verlieren wir zuviel Zeit. Auch würden Wasser und Proviant knapp, die Männer müßten lange Strecken rudern, da die Gegend meist Windstill ist.
Aber das Strudelmeer ist tückisch
, wendete Rabe ein. Vor vielen Jahren bin ich durch einen Sturm in seine Nähe verschlagen worden. Die Strömung versuchte, uns in die Strudel zu eißen, und wir mußten rudern wie nie zuvor in unserem Leben. Dank Yarrows Gnade konnten wir gerade noch entkommen.
Ich kenne das Strudelmeer.
Gedankenverloren blickte Skadi zur Küste.
Ich kenne jeden einzelnen Strudel
, fuhr sie fort, und ich werde euch sicher hindurchlotsen. Doch zuerst müssen wir überhaupt ankommen, denn Cynera sendet bereits ihre Diener aus, um uns zu töten und die Schatulle und das Schwert an sich zu bringen.
Rabel wirbelte herum und starrte ebenfalls an Land, konnte aber nichts erkennen. Er wollte schon aufatmen, da entdeckte er in das Ferne die Wolke. Feuervogel hatte sie ebenfalls gesehen. Er schaute durch das Fernrohr und erblaßte. Dann reichte er es an Rabe weiter.
Was ist das?
fragte Feuervogel, während hinter ihm Perle die Brücke betrat und in die Richtung schaute, in die er deutete.
Das sind die Loy"has, die Wespenfrauen, Geschöpfe der Zwiewelt.
Perle sah Skadi an.
Wie können wir uns gegen sie verteidigen?
Es sind keine Dämonen, sondern... nun ja... Tiere. Es sind Tiere aus der Zwiewelt, die die Dämonen erschaffen haben. Sie besitzen keine Zauberkräfte und sind verwundbar für eure Waffen. Laßt die Bogenschützen an die Reling treten, damit sie soviele wie möglich abschießen. Die übrigen sollen sich mit Schwertern und Lanzen bewaffnen, um die zu töten, die das Schiff erreichen. Aber hütet euch, vor dem giftigen Stachel der Loy"has.
Die Wolke war näher gekommen und man konnte bereits erkennen, daß es sich um hunderte von Wesen handelte. Die Männer und Frauen ergriffen ihre Waffen und erwarteten den Feind. Die Bogenschützen standen an der Reling in Deckung der großen Buckelschilde. Hinter ihnen bereiteten sich die übrigen auf den Nahkampf vor.
Dann waren die Loy"has nahe genug. Die Bogenschützen spannten die Bogen und ließen einen Pfeilhagel auf die Angreifer niedergehen. Die getroffenen Körper schlugen auf der Wasseroberfläche auf und versanken in der Tiefe.
Doch schon stürzte sich die erste Loy"ha auf Feuervogel. Der Lear sah, daß sie ein hübsches Mädchengesicht hatte. Es folgte ein Oberkörper, dem an Stelle von Armen zwei transparenten Flügel aus den Schultern wuchsen. Der Oberkörper verjüngte sich zu einer schmalen Taille, an dem der rot-schwarz gestreifte wespenähnliche Unterleib den gefährlichen Giftstachel trug. Die beiden dünnen, langen Beine waren eng an den Körper gewinkelt.
Feuervogel duckte sich und stieß sein Schwert in den Unterleib der Loy"ha. Es knirrschte, als die Chitinschuppen zerbrachen, und eine durchsichtige Flüssigkeit tropfte aus der Wunde. Er zerrte seine Waffe frei und schnitt der Sterbenden die Kehle durch, damit sie nicht länger leiden mußte. Neben ihm sank Abendwolke tot zu Boden. Ein Stachel hatte ihren Oberarm geritzt.
Es wurde ein harter Kampf, in dem auch die Bogenschützen schließlich nach den Schwertern griffen, da die Loy"has schon über dem Schiff waren. Skadis Schwert leuchtete wie eine Feuerzunge und tötete eine Loy"ha nach der anderen. Krake stürzte über die Reling, konnte sich aber im letzten Augenblick festgreifen und hochziehen, während Perle die Loy"ha, die ihm angegriffen hatte, tötete.
Der Kampf endete erst, als die letzte Loy"ha tot war und die Sonne sich dem Horizont näherte. Erschöpft ließen alle ihre Waffen fallen und setzten sich müde nieder. Es gab keine Verwundeten, aber außer Abendwolke waren noch drei Lear gestorben. Die Gefallenen wurden im Meer bestattet und zu Yarrow gesandt. Auch die Loy"has wurden über Bord geworfen.
Das war erst der Anfang
, meinte Skadi. Zum Glück waren die Loy"has unbewaffnet und mußten nahe an uns heran. Anderenfalls hätten wir mehr Opfer zu beklagen.
Der Sturmsegler setzte seine Fahrt fort. Im Krähennest hielt ein Mann mit dem Fernrohr Ausschau nach Cyneras nächsten Dienern, doch in der Nacht geschah nichts. Erst im Morgengrauen wurden die Schlafenden von einem dumpfen Grollen geweckt. Rabe stürmte, gefolgt von Feuervogel, an Deck, wo Skadi das Ruder umklammert hielt.
Das Grollen schwoll zu einem ohrenbetäubenden Dröhnen und Brausen an. Es war so laut, daß sie sich nicht mehr verständigen konnten. Nur durch Zeichen konnte Skadi zu verstehen geben, daß sich alle mit Seilen festbinden sollten.
Ein gewaltiger Wind kam auf und peitschte die Wellen des Meeres turmhoch. Der Sturmsegler wurde umhergeworfen wie eine Nußschale. Dann, so plötzlich wie es gekommen war, war es auch wieder vorbei. Der Himmel war blau und trug keinerlei Anzeichen des Sturmes, der das Schiff fast hätte untergehen lassen. Ein Mann war während der Sturm von Bord gespült worden, und es gab einige Verletzte.
Cynera
, sagte Perle nur.
Skadi schüttelte entschieden den Kopf.
Das war nicht ihr Werk. Es war auch kein Sturm. Etwas viel schlimmeres ist geschehen. Ich weiß nicht warum, aber Turag hat den Tronen befreit!