Aus den Sagas der Krenat:
Nachdem sich die Völker der Krenat und Vanera getrennt hatten, bildete die Etug eine natürliche Grenze zwischen ihren Reichen, die nur selten überschritten wurde. Einige taten es aber und vermischten sich. Als nach heftigen Regenfällen die Wasser der Etug anschwollen und sie zu einem mächtigen Strom machten, der alles mit sich riß, siedelten sie sich weiter im Osten an. Doch mochten die Krenat nicht Menschen, die Vanera-Blut in ihren Adern hatten und zauberten, unter sich dulden. So vertrieben sie sie, verfolgten und töteten sie, bis sie ins Nördergebirge flohen. Aus Angst vor ihren Verfolgern verlegten sie ihre Heimstätten ins Innere des Gebirges, wo sie sich gewaltige Schmieden schufen. Sie lernten, im Dunklen zu sehen und gegen die Uroks zu kämpfen mit Schwertern aus Feuerstahl, die sie neben den schönsten und wertvollsten Schmuckstücken schmiedeten. Nur noch selten verlassen die Schmiede die unterirdischen Städte, aber ihre Kunstwerke halten in den Krenat die Erinnerung an sie wach.
Kyrdo zupfte bedächtig seinen dichten Bart. Sie waren nun schon seit geraumer Zeit in dem Tal, und kaum einer dachte mehr an die Kristallkrieger. Doch fiel dies niemandem auf, genauso wie keiner die Augen entdeckten, die sie ständig beobachteten.
Langsam stand Kyrdo auf und schaute zum See hinüber, in dem einige Krenat badeten. Er glaubte, Jale unter ihnen zu erkennen. Er wollte sich schon abwenden, als plötzlich Stimmen laut wurden. Irgend etwas war dort los! Er lief hinunter und unterwegs schlossen sich ihm weitere Freunde an.
Was ist denn passiert?
, rief Kyrdo schon von weitem, als er ganz außer Atem ankam.
Wir haben einen Fremden gefunden
, erklärte Tilkan aufgeregt. Er stand im Gebüsch und beobachtete uns.
Kyrdo betrachtete ihn eingehend. Er was einen Kopf kleiner als die meisten Krenat, aber sehr stämmig. Sein Haar war hellbraun und kurz. Der dichte Vollbart dagegen reichte ihm bis zum Gürtel. Die kleinen Augen waren grau und funkelten ängstlich.
Laß ihm los!
befahl Kyrdo und sagte freundlich zu dem Fremden: Du brauchst dich nicht zu fürchten, niemand will dir etwas tun. Ich bin Kyrdo, der Anführer dieser Leute. Und wer bist du? Bist du auch ein Flüchtling?
Dem Unbekannten war es anzusehen, daß er nicht recht wußte, wie er sich verhalten sollte. Zögernd fragte er:
Ihr seid nicht hier, um uns zu töten?
Kyrdo sah ihn erstaunt an.
Natürlich nicht! Wie kommst du darauf? Bist du...
, eine Ahnung stieg in ihm auf. Bist du etwa ein... ein Schmied?
Ja. Ich bin Zorr, Gildenmeister der 12. Ordnung. Weshalb seid ihr hier?
Kyrdo lud ihn in seine Höhle ein und erzählte ihm von den Kristallkriegern und ihrer Flucht aus Brae. Dabei realisierte er sich auf einmal, daß sie schon lange nicht mehr an diese Gefahr gedacht haben. Als er seine Verwunderung darüber aussprach, wußte Zorr, der allmählich Vertrauen faßte, den Grund.
Hier haben einst die Vanera-Magiere gewohnt, die unter dem Schutz Shalanis standen. Shalani hatte ein Bergelf gebeten, über dieses Tal zu wachen, und das tut er immer noch. Seinem Geist, der Krieg und Zerstörung haßt, verdankt ihr dieses Vergessen. Er ist es auch, der verhindert, daß Monstern und wilde Tiere dieses Tal betreten. Wir wünschen uns, daß sich seine Macht auch auf die Uroks auswirken würde, doch diese künstliche Kreaturen sind unempfindlich für seine Kraft.
Uroks? Ich habe diesen Namen noch nie gehört.
Sie leben im Erdinnern und überfallen und berauben uns seitdem wir hier leben. Ihr braucht sie nicht zu fürchten, denn sie wagen sich niemals an die Erdoberfläche. Das Tageslicht verbrennt sie.
Aber zurück zu euch. Ihr wollt hierbleiben, nicht wahr?
Ja, wenn ihr es erlaubt.
Ich werde mit dem Gildenmeister erster Ordnung sprechen. Wir beobachten euch schon, seitdem ihr im Nördergebirge seid und nichts weist daraufhin, daß ihr uns übel gesinnt seid. Deine Worte werden unsere Beobachtungen bestärken, so daß ich glaube, daß er nichts dagegen haben wird. Doch die Kristallkrieger sind eine schlimme Sache. In unserer Abgeschiedenheit haben wir nichts von all dem erfahren, was in der Welt vor sich geht. Darf ich jetzt gehen?
Gewiß und wir hoffen, daß du wiederkommst. Wir möchten mit euch in Frieden leben und eure Freunde sein. Vielleicht können wir das wiedergutmachen, was unsere Ahnen getan haben. Bitte richte das deinem Anführer aus.
Zorr versprache es und verabschiedete sich. Noch am Abend kam eine Gruppe Schmieden der höheren und mittleren Ränge um sich mit Kyrdo bekannt zu machen. Der Rat hatte beschlossen, erklärten sie, sie als Nachbarn zu begrüßen und man versprach, am nächsten Tag einige Lehrlinge zu schicken, die ihnen Geräte und andere Dinge bringen würden, die den Krenat das Leben angenehmer und einfacher machen sollten.
Zorr, der als einziger Schmied der niedere Ränge die hohe Gäste begleitet hatte, blieb zurück nachdem seine Vorgesetzten gegangen waren. Er sprach noch bis zum Morgengrauen mit Kyrdo und einige andere Krenat, und sie erfuhren, daß die Schmiede auch über den Kristallkrieger sich beraten hatten. Der Gildenmeister erster Ordnung hatte dabei verkündet, daß sie unter der Erde sicher waren, und sich aus jedem Krieg heraushalten würden. Kyrdo glaubte erkennen zu können, daß Zorr mit diesem Entschluß nicht einverstanden war, aber äußerte sich nicht weiter dazu.
Schweres Frachtschiff der Galen drei Strich steuerbord!
rief der Mann auf dem Krähennest.
Es war dunkel, und der Wind wehte günstig nach Norden. Rabe blickte durch das Fernrohr und suchte das Meer in der angegebene Richtung ab. Da war es! Ein großes Schiff mit schwarzen Segeln und einem gepanzerten Bug, der unter der Wasseroberfläche in einer spitzen Eisenstange auslief, mit der man beim Entern den Rumpf des feindlichen Schiffes aufriß, schälte sich aus der Dunkelheit.
Sie scheinen uns noch nicht entdeckt zu haben.
Willst du sie angreifen?
, fragte Feuervogel.
Für einen Moment stieg in Rabe das Verlangen auf, das Frachtschiff zu kapern. Es lag sehr tief im Wasser und war dadurch nicht besonders manövrierfähig. Seine Mannschaft sah ihn erwartungsvoll an. Das Gefühl verflog.
Nein! Wir dürfen uns nicht aufhalten lassen. Segel setzen und schnell weg, bevor sie uns sichten.
Was? Diese fette Beute sollen wir uns entgehen lassen?
Perle machte sich zur Sprecherin der Mannschaft. Bei den Meerstämmen waren die Frauen weitgehend gleichberechtigt. Zwar hatten sie keinen Zugang zum Ältestenrat, doch, da das Überleben auf dem Meer eine Frage der Kraft, Ausdauer und kämpferischen Geschicklichkeit war, erhielten sie die gleiche Ausbildung wie die Männer und nahmen an den Fahrten teil, sofern sie keine Kleinkinder zu versorgen hatten.
Zustimmendes Gemurmel verlieh Perles Worten Gewicht.
Wir befinden uns nicht auf einer Kaperfahrt
, lehnte Rabe ab. Ich habe euch vor Antritt dieser Reise genau erklärt, daß wir alle unsere Kräfte für den Weg nach Pardos brauchen. Bestimmt werden wir dort für alle Strapazen entschädigt und reicher entlohnt, als durch die Beute dieses Schiffes.
Bestimmt!
höhnte Perle uns strich ihre hüftlangen, schwarzen Locken mit einer wilden Geste zurück. Bei Sarbas! Bestimmt sind es nur leere Versprechungen, die du uns machen kannst. Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach! Keiner weiß, ob Pardos wirklich existiert, niemand, der sich dorthin aufmachte, kehrte wieder und...
...und ich befehle, daß alle Segel gesetzt werden. Ihr habt einen Eid geleistet, widerspruchslos zu gehorchen. Wollt ihr nun wegen dieser lächerlichen Sache wortbrüchig werden und eure Ehre verlieren? Willst du das, Perle? Entehrt sein wegen eines Schiffes, das vielleicht nur Gemüse geladen hat? Und du, Krake? Abendwolke?
Perle sah sich plötzlich allein gelassen, aber sie wollte sich nicht geschlagen geben.
Wir sind bereits entehrt, da wir den Anordnungen des Rates zuwiderhandeln. Kommt es überhaupt noch darauf an? Kehren wir jetzt mit reicher Beute um, wird niemand etwas von deinen Plänen erfahren, und wir ernten sogar Ruhm.
Rabe lächelte schwach.
So kann man es auch sehen. Wahrscheinlich hat aber jemand in der Zwischenzeit geredet. Wir behalten unsere Ehre nur, wenn wir mit Erfolg von Pardos zurückkehren und dem Ältestenrat seine eigene Ignoranz vor Augen führen.
Nun wußte auch Perle nichts mehr zu erwidern, und das machte sie zornig. Während die anderen Männer und Frauen den Befehlen Rabes nachkamen, starrte sie düster aufs Meer hinaus, wo das Frachtschiff der Galen unbehelligt an ihnen vorbeizog. Feuervogel trat an ihre Seite und schaute ebenfalls stumm ins Wasser.
Was willst du?
Ihre braunen Augen glitzerten. Sie konnte es nicht ertragen, von einem Mann eine Niederlage beigebracht zu bekommen. Deswegen haßte sie Rabe, aber sie liebte ihn auch, und Feuervogel liebte sie.
So wirst du ihn nie gewinnen
, sagte er leise und bewunderte die stolze Silhouette ihres gescheidigen Körpers.
Warum liebte sie nicht ihn? Perle drehte sich abrupt um und ließ ihn an der Reling stehen.
Sie ruderten mit kleinen Schaluppen an die Küste, vor der der Segler ankerte. Nur eine kleine Mannschaft blieb an Bord, die nach Ablauf einer Frist von drei Monaten wieder zur Blauen Lagune zurückkehren sollte.
Vor den Lears erstreckte sich eine endlose Wüste. Das salzige Meerwasser und der geringe Niederschlag machten Pflanzenwuchs unmöglich. Viele fühlten sich unbehaglich, da sie niemals lange an Land gewesen waren und nun die Schrecken einer lebensfeindlichen Wüste auf sich nehmen mußten. Wasser und Proviant wurden gleichmäßig verteilt, jeder bekam seinen Posten zugewiesen. Der Marsch ins Ungewisse begann.
Obwohl sie den kürzesten Weg hatten und durch das abhärtende Leben auf den Schiffen gegenüber den Vanera und Krenat im Vorteil waren, ließ ihre Abneigung gegen das Land den Einfluß der Toten Zone bald spürbar werden. Von Perle angestachelt, nörgelten die Männer und Frauen ständig über Hitze und Wassermangel. Nach einigen Tagen sagte Rabe zu seinem Freund Feuervogel:
Ich wünschte, wir wären allein gegangen. Nie hätte ich gedacht, daß meine Mannschaft solche Schwierigkeiten macht.
Es ist Perle. Sie hetzt alle gegen dich auf.
Aber warum nur? Ich habe ihr nie etwas getan.
Feuervogel lachte bitter.
Gerade deshalb! Bist du blind, daß du nicht merkst, daß sie in dich verliebt ist?
Das wußte ich wirklich nicht
, sagte Rabe betroffen, und unwillkürlich schob sich das Bild Skadis vor seine Augen.
Wenn doch etwas passieren würde!
wechselte Feuervogel rasch das Thema, denn der Gedanke an Perle versetzte ihm jedesmal einen Stich. Dann könnten sie ihre Aggressionen loswerden!
Ich glaube, dein Wunsch geht in Erfüllung. Da, sieh doch!
Rabe wies auf eine Gruppe Wanderer, die sie ebenfalls entdeckt hatte und stehen blieb. Er befahl, die Waffen griffbereit zu halten, aber feindliche Handlungen zu vermeiden.
Ob Skadi bei den anderen war? Sein Herz schien ihm plötzlich im Hals zu schlagen.
Als sie nur noch wenige Schritte von einander entfernt waren, entdeckte er sie. Skadi sah so aus, wie der Kristall sie ihm gezeigt hatte. Sie ritt auf einem riesigen Wolf, das Gesicht unter der silbernen Maske verborgen. Nur mühsam beherrschte Rabe den Drang, auf sie zuzueilen. Er blieb stehen und brachte kein Wort hervor. Es war die Hohepriesterin, die zu sprechen begann.
Ich wußte, daß ihr kommen würdet. Nun sind die drei Völker vereint und können, gestärkt durch die Gemeinschaft, Pardos erreichen. Folgt uns, und laßt uns für diese Aufgabe alle Zwistrigkeiten vergessen.
Rabe spürte, wie ihre Nähe ihn noch mehr in den Bann zog und glaubte kurz, einen Warnschrei in seinem Innern zu vernehmen, aber es war zu spät, sich zu befreien. Er marschierte an ihrer Seite, und Skadi ahnte die Gegenwart des Splitters von Sorghums Auge, der ihr Furcht einflößte. Als sie in die Augen des Lears blickte, erkannte sie, daß der Kristall ihn in ihre Hand gegeben hatte. Aber sie wußte auch, daß der Splitter ihr auf irgendeine Weise gefährlich werden konnte.
Am Ende eines Tages - keiner hatte gezählt, wieviele Tage sie schon in der Wüste waren - ließ Skadi den Zug halten. Sogar ihre Bewegungen waren müde, aber trotzdem weigerte sie sich die von Rabe angebotene Nahrungsmittel anzunehmen.
Fleet war längst nicht mehr die einzige, die einfach sitzen geblieben war. Auch andere Krenat und Vanera mußten von Pferden getragen werden. Manche hatten sich plötzlich umgedreht und wollten offenbar allein den Rückweg antreten. Jeder Versuch, auf sie einzureden, war erfolglos gewesen und man hatte sie mit Gewalt zum weitergehen zwingen müssen.
Nur die Lear waren bisher von dieser tödlichen Wirkung der Toten Zone verschont geblieben. Sie beschwerten sich zwar immer wieder über die Hitze, das wenige Wasser und die hohe Geschwindigkeit des Zuges, aber sie waren es, die immer wieder die Sitzengebliebenen auf die Pferde halfen und diejenigen, die zurück gehen wollten, mitgezerrt hatten.
Auch jetzt waren sie es, die, unter nicht ablassenden Protesten, das wenige Essen zubereiteten und verteilten. Die anderen waren schon weitgehend apatisch geworden. Nur Jansur entfaltete ungeahnte Energien. Er ging auf Skadi zu.
Ich möchte dich sprechen, Erhabene.
Bewußt benutzte er ihren ehrenden Titel, hoffend, daß er sie mit Schmeicheleien für seine Pläne gewinnen konnte. Noch immer hatte er es nicht überwunden, daß alle Krenat Fleet gefolgt waren und ihm jetzt nur gehorchten, weil sie ihre Führerin verloren hatten. Zunächst hatte er den Wunsch, seine Führungsposition zurückzugewinnen, unterdrücken können, doch in der Toten Zone war seine Willenskraft allmählich erlahmt, und jetzt war er bereit, alles zu tun, um wieder alleiniger Führer der Krenat zu sein.
Dann sage mir, was du willst.
Jansur zuckte zurück, als der Unterweltswolf wie ein silberner Schatten hinter Skadis Rücken hervorglitt und ihn mit gelben Lichtern anfunkelte.
Nicht hier
, entgegnete er mit gesenkter Stimme. Gehen wir etwas vom Lager weg. Nicht jeder braucht zu erfahren, was ich mit dir besprechen möchte.
Sie folgte ihm einige Schritte, bis Jansur sich unbelauscht fühlte, und setzte sich auf einen Felsvorsprung.
Ich möchte dich warnen, Erhabene
, begann er.
Als Skadi stumm blieb, fuhr er hastig fort:
Fleet, das Mädchen, das du im Kampf besiegt hast, will sich an dir rächen. Sie wird die beiden Magiere aussenden, um dich zu töten und das Schwert an sich zu bringen.
Warum erzählst du mir das alles?
Weil ich dir helfen will. Ich glaube, daß nur du uns nach Pardos führen kannst.
Skadi sah tief in Jansurs Augen. Zum ersten Mal schwand die Gleichgültigkeit aus ihrer dunklen Stimme.
Wie leicht verrätst du deine Freunde, die dir ihr Vertrauen schenken
, sagte sie voller Verachtung, und wieviel leichter noch würdest du mich verraten! Du kannst mir nichts vorlügen. Ich sehe dein Herz, das voller Neid und Haß ist. Geh fort von mir und wage nicht, dich mir noch einmal zu nähern.
Sie erhob sich und schien in ihrem Zorn viel größer zu sein als sonst. Jansur war zutiefst erschrocken und verwünschte seine leichtsinnige Idee, sich mit der Hohepriesterin gegen Fleet verbünden zu wollen. Wie hatte er auch nur für einen Moment glauben können, daß sie auf seine Hilfe angewiesen war. Er wich furchtsam zurück, als sie mit wehendem Gewand an ihm vorbei ins Lager zurückkehrte. Nur zögernd, Schamröte im Gesicht, ging auch Jansur wieder zu den anderen.
Unsere Leute sind zum Glück durch das Zusammentreffen mit den Vanera und den Krenat ruhiger geworden
, sagte Feuervogel zu Rabe. Anderenfalls wäre es gewiß zu Meuterei gekommen.
Was ist mit Perle?
Der lange Marsch hat sie zu müde zum Streiten gemacht. Ich denke, daß wir uns ihretwegen keine Sorgen zu machen brauchen. Dagegen werde ich das Gefühl nicht los, daß von Skadi Gefahr droht. Irgendein ganz schreckliches Geheimnis scheint sie zu hüten.
Wie meinst du das?
fragte Rabe. Ich habe nichts bemerkt.
Feuervogel zuckte hilflos mit den Achseln.
Ich kann es nicht begründen, es ist nur so ein Gefühl... Aber warum trägt sie wohl eine Maske?
Vielleicht verbietet ihre Göttin das Zeigen des Gesichts.
Oder sie hat gar kein...
Feuervogel unterbrach sich mitten im Satz. Skadi stand plötzlich zwischen ihnen.
Ich habe eine Aufgabe für dich
, sagte sie, ohne Feuervogel Beachtung zu schenken. Du mußt Jansur, den Führer der Krenat, beobachten. Er kann unsere Mission gefährden.
Skadi hatte darauf verzichtet, die Wahl Rabes zu begründen und ging, ohne seine Zustimmung abzuwarten. Sie wußte, daß er ihre Wünsche nicht ablehnen würde und hoffte, daß nicht nur Schwierigkeiten durch Jansur verhindert wurden, sondern auch, daß Rabe abgelenkt war und nicht die latenten Kräfte, die in seinem Kristall schlummerten, gegen sie richten konnte. Feuervogel war verblüft.
Wieso sucht sie gerade dich dafür aus? Und wie kann sie so sicher sein, daß du ihrem Befehl gehorchst?
Ich werde es tun
, antwortete Rabe nur, die Fragen seines Freundes ignorierend.
Sie hatte ihn erwählt! Das war alles, was Rabe in diesem Moment dachte. Skadi hatte ihn zu ihrem Leibwächter erwählt!
Mit Verwirrung gewahrte Feuervogel die Veränderung. So hatte er Rabe noch nie erlebt. Was war mit ihm los? Hatte Skadi ihm verhext? Er beschloß, auf ihn zu achten und zu versuchen, ihn vom Bann der Hohepriesterin zu befreien.
Als sie am nächsten Morgen aufwachten, wunderte sich keiner, daß einer der Krenat fehlten. Nach Spuren wurde nicht einmal gesucht, den man konnte nicht die ganze Gruppe aufs Spiel setzen, nur um eine einzige Person zu finden. Nur Feuervogel fiel es auf, daß Skadi keine Spur von Müdigkeit mehr zeigte.
Nach dem Frühstück, auch jetzt wieder von den Lears zubereitet, hielt Skadi eine kurze Ansprache.
Das Ziel unserer Reise ist nahe
, sagte sie. Noch heute werden wir die Tote Zone ganz durchquert haben und Pardos erreichen. Dort können wir uns von den Strapazen erholen.
Dann setzte sie sich an der Spitze der Wanderer auf ihrem Reittier in Bewegung, und die anderen folgten ihr. Den Abschluß bildeten die Seefahrer, die darauf achteten, daß keiner zurückblieb.
Isana gesellte sich wieder zu Fleet, die, als sie am Morgen aufwachte, sich an dem vorigen Tag nicht mehr erinnern konnte. Als sie von Isana erfuhr, was geschehen war, konnte sie es kaum glauben.
Ich kann mich erinnern
, sagte sie, daß gegen Skadi gekampft wurde. Aber wer hat diesen Kampf geführt? Manchmal glaube ich, daß ich es selbst war, aber dann erinnere ich mich wieder, nur zugeschaut zu haben. Und das nächste, an das ich mich erinnere, ist, daß ich heute morgen aufwachte.
Du sagst, Skadi hat jetzt mein Schwert? Aber weshalb? Was hat sie damit vor? Ich brauche es doch! Ich habe meinem Vater versprochen, es nie in falsche Hände geraten zu lassen!
Plötzlich stand Perle vor den beiden Frauen. Feuervogel hatte sie über das seltsame Verhalten Rabes unterrichtet, und sie war fest entschlossen, alles zu versuchen, um Skadis Macht zu brechen.
Ich suche die Frau, die mit Skadi gekämpft hat!
sagte sie.
Isana zeigte auf Fleet.
Hast du gegen die Hohepriesterin gekämpft?
fragte Perle.
Das wurde mir erzählt, ich weiß aber nicht mehr viel davon.
Bitte erzähle mir alles.
Fleet sah nur Isana an, und die begann zu erzählen, wie Fleet in kurzer Zeit zum eigentlichen Anführer der Krenat geworden war und wie sich die Begegnung mit Skadi abgespielt hatte. Sie berichtete, wie Fleet ihr Schwert verloren hatte, wie leer sie sich seitdem fühlte, und daß sie jetzt kaum noch der Führungspersönlichkeit, die sie vorher gewesen war, glich.
Als Isana zu Ende gesprochen hatte, dachte Perle lange Zeit nach.
Ihre Veränderung steht gewiß mit dem Verlust des Schwertes in Zusammenhang
, sagte sie dann. Wenn... wenn du es wiedergewinnen willst und dabei Hilfe brauchst... ihr könnt auf mich zählen!
Fleet und das Schwert
, fügte sie gleich darauf leise hinzu. Fleet und das Schwert, Rabe und... und was?
Was sagt du?
, fragte Isana. Wer oder was ist Rabe?
Perle schrak aus ihren Gedanken auf.
Rabe ist unserer Anführer
, sagte sie, und sie fing an, von Feuervogels Beobachtungen zu erzählen.
Es war schon fast Abend, als sie endlich die Gipfel der Berge erreichten. Fleet und Isana gingen schon seit längerem im vorderen Teil der Gruppe, und so gehörten sie zu den ersten, die die sagenhafte Stadt Pardos sahen. Viel war im Licht der untergehende Sonne nicht zu erkennen, aber Fleet glaubte grüne Wiesen und kleine Wäldchen entdeckt zu haben. Sie hielten unwillkürlich an, als sich das Panorama vor ihnen entfaltete.
Sieh dir das an
, wisperte Isana. Es ist uns doch gelungen. Wir haben Pardos erreicht!
Während sie von der nachdrängenden Menge weitergeschoben wurden, konnte Fleet erkennen, wie Skadi Lardo ein Zeichen gab, der daruafhin einen Befehl rief. Einer der Lears führte das Pferd, auf dem die beiden Magier saßen, zur Hohepriesterin.
Ihrer Neugierde folgend, schob Fleet sich weiter nach vorne, Isana mit sich ziehend. So standen sie ganz in der Nähe von Skadi, als diese zu sprechen begann.
Vor euch liegt Pardos. Nur noch eine kurze Strecke, und wir haben es geschafft, doch vorsicht! Diese Felsen sind sehr steil, deshalb werden die beiden Magier euch mit Seilen versehen, Bindet euch aneinander, damit keiner abstürzt. Morgen werden wir den Abstieg bewältigen und die Stadt erreichen.
Noch während sie sprach hatten die Magiere auf Lardos Befehl die Seile ausgeteilt. Anscheinend wirkten ihre Kräfte wieder. Jeweils fünf Mann sollten sich aneinanderseilen. Die Pferde mußten zurück bleiben.
Ohne Zwischenfälle gelangten sie am nächsten Morgen ins Tal. Schon bald bedeckte das erste Moos den Boden, das wenig später von zartem Gras und kleinen Sträuchern abgelöst wurde. Skadi führte sie bis zu einer kleinen Wiese. Hier wurden die Zelte aufgebaut und Skadi ließ die Lears die Speisen und Getränken aus dem Sack der Magier verteilen.
Bald zeigte keiner der Flüchtlinge mehr Nachwirkungen der Toten Zone, und jeder war froh, daß das Ende der Reise endlich in Sicht war. Sie rafften sich noch einmal auf und wanderte weiter durch fruchtbares Land.
Sie brauchten nicht einmal lange zu gehen als sie schon die Umrisse der Stadt erkannten. Aber als sie näher kamen, verblaßte der Glanz und machten zerfallenen Ruinen platz.
Perle, die Skadi fast unablässig beobachtete, bemerkte, wie diese immer unruhiger wurde, je näher sie zu der Stadt kamen. Dann, plötzlich, stieß Skadi einen Schrei voller Enttäuschung aus und trieb den Unterweltswolf zu, der sie mit gewaltigen Sätzen in die Stadt hinein trug.