Aus den Sagas der Krenat:
Nicht alle Krenat wurden am rechten Ufer der Etug seßhaft. Viele hofften weiter östlich fruchtbares Land zu finden, doch erstreckte sich dort nur eine endlose Steppe. Gerade die Weite des Landes faszinierte die Menschen aber und hier gab es herrliche Pferde, die sie einfingen und zuritten. Sie wurden ihre ganzer Stolz und waren den wertvollste Besitz eines Mannes. Mit ihren Herden ritten die Steppenreiter durch das Land, bis sie auf Bauern stießen. Es kam zu Kämpfen, da die Reiter befürchteten, die Felder würden ihren Weidegründe nehmen, und die Bauern dachten, die Herden zertrampeln und fressen ihre Saat.
So schlossen sich die Gemeinden zu Herzogtümmer zusammen, um die Steppenreiter nach Osten zu verjagen. Es entstanden im Lauf der ständigen Grenzkriege siebenundzwanzig Herzogtümer, die versuchten, das übrige Krenatreich unter sich aufzuteilen. Doch wehrten die Menschen des westlichen Reiches diesen Versuch erfolgreich ab, indem sie sich unter einen Zeitkönig vereinten. Es wurden Nichteinmischungsverträge geschlossen, an die sich beide Seiten seitdem halten und die westlichen Krenat leben wieder in ihre unabhängigen Gemeinden wie zuvor.
Sein Name war Dorin, Grenzherzog von Abia. Er zählte erst 37 Sommer, doch das Leid der letzten Monde ließen ihn zehn Sommer älter erscheinen. Zahlreiche Silbersträhnen durchzogen sein einstmals schwarzes Haar. In seinem beherrschten Gesicht waren einige neue Falten hinzugekommen. Sein kurzgehaltener Vollbart war an der linken Seite blutverkrustet von einem Schwertstreich, der ihm die Wange geritzt hatte. Erst vor zwei Tagen hatten die Steppenreiter unter dem Großkhan Badur Abia überrannt. Seine beiden ältesten Söhne waren in der Schlacht gefallen, der jüngste von einem heimtückischen Steinwurf erschlagen worden und seine Frau hatte erst ihre Tochter und dann sich selbst erdolcht, um nicht in die Hände ihrer Feinde zu geraten. Bis auf wenige Getreuen war das ganze Soldnerheer geflohen, als sich die Niederlage abzeichnete. Dann mußte auch er fliehen, wollte er nicht in unsinnigen Blutvergießen seine letzten Männer verlieren.
Sie retteten sich nach Westen, ganze sechzig Mann von vorher über dreitausend! Doch dann waren sie Zeuge geworden, wie auch Badur-Khan fliehen mußte. Die Kristallkrieger, von denen man gerüchterweise gehört, aber nicht an sie geglaubt hatten, waren unaufhaltsam in Abia einmarschiert, und mit ihnen überzog eisige Kälte das Land. Es schneite zwar oft im Winter, aber man schrieb erst den Mond der Katkan.
Fröstelnd zog Dorin den Umhang enger um seinen Körper. Er begann sich zu fragen, wie es um die anderen Grenzherzogtümmer stand und was im westlichen Reich vor sich ging. Er vermutete, daß sich das Ewige Eis unaufhaltsam nach Westen vorschob. Es war das beste, ebenfalls nach Westen zu reiten und die Leute zu warnen, damit sie rechtzeitig ein Heer aufstellten.
Sie ritten schweigsam durch die Nacht, keinem war zum Reden zumute nach den letzten Erlebnissen. Der Mond versteckte sich hinter einer Wolkenbank, aber der Schnee war hell genug, daß sie den Weg erkennen konnten. Lediglich sein Knirschen und das Schnauben der Pferde störte die Stille.
Halt! Da war noch ein anderes Geräusch. Dorin schreckte aus seinem Halbschlaf auf und schaute sich besorgt um. Waren die Steppenreiter auch nach Westen unterwegs und hatten sie eingeholt?
Er gab seinen Soldaten ein Zeichen. Jetzt lauschten sie alle und spähten in der vereisten Landschaft umher. Und dann sahen sie sie. Sie unterschieden sich kaum vom Schnee - drei Kristallkrieger, die schon weiter vorgedrungen waren, als der Rest der Truppe. Nun sahen die Männer sie erstmals aus der Nähe.
Dorin wünschte, es wären nur die Steppenreiter gewesen, denn diesen drei Kreaturen konnten selbst sechzig Mann nichts anhaben.
Langsam setzten sich die Kristallkrieger in Bewegung. Sie waren eineinhalb Köpfe größer als ein Krenat und doppelt so breit. Sie waren nichts anderes als Kristallblöcke mit menschlichen Formen und groben Gesichtszügen. Haarlos, unbekleidet und bewaffnet mit Kristallschwertern drangen sie vorwärts. Dorin riß sein Schwert hervor.
Wir werden uns nicht kampflos ergeben. Vorwärts, Männer!
Sie folgten ihrem Herzog, indem sie ihre Pferde anspornten. Unter den Hufen der gallopierenden Pferden spritzte der Schnee nach allen Seiten. Dorin erreichte als ersten eine der Kreaturen. Mit seiner Waffe traf er den transparanten Schädel, in dem etwas dunkles ruhte, und spaltete ihn. Er hatte nicht mit dem gerechnet, was nun geschah. Mit einem Wehlaut verflüchtigte sich das dunkle Etwas und der Kristallkrieger zerbröckelte zu feinem Kristallstaub, den der schneidende Wind davontrieb.
Allerdings hatte er keine Zeit, überrascht zu sein, denn er mußte seinen Männern helfen, die weniger Glück hatten. Er konnte sehen, wie sie mit ihren Waffen auf die Kristallwesen enschlugen und stachen, ohne daß etwas passierte. Einer seiner Männer wurde gerade das Rückgrad zerschmettert. Dorin schlug dem Kristallkrieger den Arm ab, und genau wie vorher das andere Eiskreatur zerbröckelte er. Den letzten enthauptete er. Danach war es so still wie zuvor, nur die Männer keuchteten erregt.
Dorin betrachtete kurz den Toten.
Wir können ihm nicht mehr helfen. Laßt uns schnell weiter ziehen, bevor wir noch mehr Kristallkrieger treffen. Und bevor einer von euch fragt, ich weiß auch nicht, weshalb ich allein in der Lage war, diesen Monstern zu töten.
Schweigend setzten sie den Ritt fort. Nachdenklich strich Dorin über das Heft seines Schwertes. Es war eine Waffe, die von seinen Vorfahren immer auf den ältesten Sohn vererbt worden war. Ihre Klinge war aus Feuerstahl, das niemals schartig wurde. Ein Ahn hatte die Waffe einem Schmied abgenommen und angeblich einen Dämon damit getötet. Wenn bekannt wurde, daß man mit ihnen auch die Kristallkrieger töten konnte, würden die Waffen aus Feuerstahl noch mehr an Wert gewinnen.
Kaum war der letzte von Skadis Begleitern durch das Tor geritten, schloß es sich hinter ihm. Der Mann blickte sich um und sah, daß sich, nur wenige Schritte hinter ihm, die Felsen wieder zusammen schoben. Versagte Skadis Zauber, wÜrden sie alle von den Felsmassen zerquetscht werden!
Es war dunkel, nur Skadi war in eine grünliche Aura gehüllt, die alle Konturen zerfließen ließ, und wies ihnen den Weg. Die Pferde zitterten und schnaubten ängstlich. Ein rhytmisches Pochen vermischte sich mit rasselnden Pfeiftönen. Aus engen Spalten wehten scharfe Windstöße, und sie spuckten Zerrbilder menschlicher Gestalten aus, die in einer anderen Spalte wieder verschwanden. Manchmal sprangen sie dabei dicht über den Köpfen der Männer hinweg und kreischten wild und - wie es schien - höhnisch. Die Geräusche wurden immer lauter. Hinzu kam eine fast unerträgliche Hitze und Gerüche nach Abfällen, Verwesung und dem eigenen Schweiß, die den Männer Übelkeit bereiteten. Der Felsengrund, über den sie gingen, vibrierte im Einklang mit den Geräuschen. Plötzlich schrie der Mann am Ende der Gruppe laut auf.
Ich halte das hier nicht länger aus! Ich will hier raus!
Der Schrei war der eines Wahnsinnigen. Lardo glaubte, daß sich eine eisige Hand um sein Herz krallte und langsam zudrückte. Er drehte sich um und konnte gerade noch sehen, wie der Wahnsinnige mit seinem Schwert nach einem der umherhuschenden Schemen hieb. Das Wesen kreischte und streckte seine Klauen nach dem Nacken des Soldaten aus. Sofort fielen noch mehr der Wesen über den Unglücklichen her, der nur noch schrie, immer schriller und schriller, bis die sich schließenden Felsen sich um ihn legten.
Weiter!
peitschte Skadis Stimme. Schnell fort von hier! Die Uroks sind jetzt aufmerksam geworden und werden uns folgen, um uns alle in den Wahnsinn zu treiben. Schneller, sonst kann ich euch nicht schützen!
Sie schienen durch zähen Schleim zu rennen, der sie mit tausend Klauen festhalten wollte, begleitet vom Kichern der Uroks. Irgendwann bemerkte Lardo, daß das Pochen und Rasseln nachließ. Auch folgten ihnen nicht mehr so viele Uroks. Entweder hatten sie aufgegeben oder wagten sich nicht in die Außenbezirke des Gebirges vor.
Als sich ein bläuliches Licht langsam vergrößerte, verdoppelten sich die Kräfte der Männer. Der Ausgang lag in greifbarer Nähe vor ihnen! Da stolperte plötzlich ein Soldat über eine Unebenheit des Bodens und stürzte. Die beiden Nachfolgenden kümmerten sich nicht um den Verletzten, dessen Pferd noch schneller trabte. Sie ignorierten ihn, einer trat sogar auf seine Hand.
Laßt mich nicht hier liegen!
flehte er. Helft mir! Nehmt mich mit! Hilfe!
Ein Schrei war das letzte, was sie von ihm vernahmen, dann standen alle, vom Grauen gezeichnet, im Freien. Während die erschöpften Männer sich niedersinken ließen, wo sie gerade waren, trat Lardo an Skadis Seite und starrte mit ihr auf das Land, das vor ihnen lag. Man konnte das silberne Band der Etug erkennen, die sich in zahlreiche Arme gabelte, die in Schilfdickichten oder morastigen Tümpeln endeten. Bäume mit Luftwurzeln und Rankengewächsen, dornige Büsche mit giftigen Beeren, fleischfressende Blüten von großer Schönheit, mannshohe Gräser und dichte Teppiche aus Wasserpflanzen, die tückisch sumpfige Stellen verbargen, boten sich ihren Blicken dar. Feuchte Hitze, üble Dämpfe, das Blubbern des Moores und das Gesumme der Fiebermücken drangen bis zu ihnen.
Was war das... im Innern des Tronengebirges?
Seine eigene Stimme klang fremd in seinen Ohren.
Es waren die Herzschläge des Tronen, die den Boden vibrieren, und seine Atemzüge, die den Wind entstehen ließen. Die Uroks sind die Bewohner des Erdinneren. Turag schuf sie als Wächter über den Tronen.
Konntest du für meine Männer nichts tun?
Nein, hätte ich es versucht, wäret auch ihr jetzt tot.
Es waren tapfere Männer.
Ja, es ist schade um sie.
Überrascht betrachtete Lardo Skadi von der Seite. Er hatte nicht erwartet, daß sie diesen Verlust bedauern würde.
Die Männer sollen ausgiebig essen und schlafen, damit wir morgen weiter können. Ich wache über euren Schlaf.
Aber... wir sind zu erschöpft... wir können nicht schon morgen weiter...
Lardo verstummte.
Es gibt noch mehr Menschen, die Pardos erreichen wollen. Um ihnen zuvorzukommen, müssen wir uns beeilen.
Die Begrüßung war nur kurz gewesen, und Fleet versuchte nicht einmal, Jansur alles zu erklären. Sie begnügte sich damit, ihm das Wichtigste über die Magiere zu erzählen.
Während des Essens lockerte sich die Spannung der Flüchtlinge etwas. Nach vielen Tagen anstrengenden Wanderns durch die Hungerwüste brauchten sie die Entspannung, und die beide Magier hatten einen wundervollen Beutel, aus dem sie allerhand Speisen und Getränke zauberten, ohne daß der Beutel merklich leerer wurde.
Als Jansur und die meisten anderen Krenat nach dem reichleichen Mahlzeit in tiefen Schlaf gefallen waren, saß Fleet dicht am Feuer und starrte in die zügelnden Flammen. Träumerisch dachte sie an ihre Jugend und wie schön die Welt damals noch gewesen war.
Die Flammen kamen näher und näher und formten Bilder. Fleet glaubte Menschen erkennen zu können, und auf einmal sah sie den alten Kyrdo. Sie schaute zu, wie er aus einer Höhle trat und über eine saftigrüne Wiese auf einen blauen See zulief. Am See konnte sie weitere alte Freunde aus Brae erblicken, die alle sehr glücklich aussahen - fast zu glücklich, so als hätten sie vergessen, daß täglich viele hundert Krenat von den Kristallkriegern getötet oder entführt wurden. Sie sah auch Dunga, der sich hinunterbeugte, um ein kleines Tier näher zu studieren.
Dann aber erkannte sie, daß es gar nicht Dunga, sondern ein fremder Mann war, der da stand. Jetzt sah sie auch, weshalb er vorgebeugt stand: Mit einer Peitsche wurde er hart geschlagen. Er und vielen anderen mußten schwere Arbeit auf dem Feld leisten. Einen Arbeiter erkannte Fleet als Blenji wieder, den kampffreudigen Burschen. Er wirkte um Jahre gealtert. Sein Gesicht war von der harten Arbeit gezeichnet und sein blondes Haar frühzeitig ergraut. Darauf zerfloß das Bild.
Du hast deine Freunde gesehen
, erklang eine Stimme. Keine der beiden Gruppen hat ihr Ziel erreicht. Wirst du deine Aufgabe in Pardos erfüllen? Aber erinnere dich der alten Sagas deines Volkes: nur die drei Völker zusammen können hoffen, den Krieg der Kriege zu gewinnen...
Dann sah sie nur noch Flammen und hatte das Gefühl, aus einem tiefen Traum zu erwachen. Vorsichtig schaute sie sich um, aber es war keiner in der Nähe, der gesprochen haben konnte. Fleet grübelte über die Vision nach, bis sie einschlief.
Sie ruhten noch zwei weitere Tage in der Oase, damit alle wieder zu Kräften kamen. Während dieser Zeit stellte sich heraus, daß die Leute immer mehr in Fleet ihren Anführer sahen. Die beide Magier hörten ohnehin nur auf sie.
Jansur war einer der ersten, der diese Entwicklung bemerkte, und ihm gefiel sie gar nicht. Er war eigentlich nur Führer geworden, weil es keinen gegeben hatte, der dagegen war, aber jetzt hatte er sich an diesen Status gewöhnt und hatte nicht die Absicht, ihm wieder aufzugeben. Die Angst, daß Fleet die Führung übernehmen könnte, veranlaßte ihm, am dritten Tag zur ganzen Gruppe zu sprechen.
Wie ihr alle wißt, haben wir ein Ziel, und dieses Ziel heißt Pardos
, sagte er. Wir haben uns, dank der Fürsorge der beiden Magier, einige Tage ausruhen können. Jetzt ist die Zeit gekommen, den letzten Teil unseres Weges hinter uns zu bringen.
Euch ist auch bekannt, daß dieser letzte Teil zugleich der schwerste Teil unserer Wanderung sein wird. Wir müssen die Tote Zone, die um das sagenhafte Pardos liegt, durchqueren. Von unserer Freundin Fleet haben wir erfahren, was uns dort erwartet: Hitze tagsüber, Kälte in der Nacht. Wir werden nichts zu essen oder zu trinken finden. Darüber hinaus wird gesagt, daß der Fluch der Götter auf diesem Gebiet liegt: Wir werden plötzlich glauben, daß ein Weitergehen unmöglich ist, und den Wunsch haben umzukehren.
Das alles müssen wir durchstehen. Wir reisen nachts und versuchen, uns tagsüber auszuruhen. Wir nehmen nur soviel Essen und Wasser mit, wie wir tragen können. Doch vor allem müssen wir uns gegenzeitig Mut machen, damit wir daran denken, daß es nur einen Weg für uns gibt: vorwärts!
Als Jansur die Männer und Frauen um sich herum ansah, konnte er in vielen Gesichtern Zweifel erkennen. Kurz kam ihm der Gedanke, ob er nicht die ganze Gruppe in den Tod führte, aber er verdrängte ihn gleich wieder.
Heute abend werden wir aufbrechen. Bis dahin gibt es nicht viel zu tun, also solltet ihr versuchen zu schlafen. Wenn die Sonne sinkt werden wir noch einmal essen und danach sofort weiterziehen. Möge Sorghum bei uns sein!
Anfangs war der Marsch durch die Tote Zone nicht so anstrengend, wie die Krenat gedacht hatten. Alle waren gut ausgeruht, und sie waren wachsam. Die ganze Nacht zogen sie, nur vom Licht der Sterne geleitet, durch eine steinige Ebene, und als sich der Himmel blutrot färbte, hatte die Gruppe den Fuß von schroffen Felsen erreicht. Zwischen zwei hohen Gesteinblöcken, die am Tag etwas Schatten verspachen, ließ Jansur anhalten.
Sie hatten sich schon in der Oase aus dem wohl unerschöpflichen Beutel der Magiere außer Nahrung mehrere Holzstangen und Tücher reichen lassen, aus denen sie jetzt kleine Zelte errichteten. Es stellte sich dabei heraus, daß die Vorsorge richtig gewesen war, denn die Kräfte der beiden Magiere wirkten hier nicht. Weder konnten sie erkennen, was vor ihnen lag, noch konnten ihrem Beutel irgendwelche Dinge entnommen werden. Ihnen standen nur die Nahrung und Ausrüstungsteile zur Verfügung, die sie bei sich trugen.
Während des Tages machten sich die ersten Schwierigkeiten bemerkbar. Trotz der Vorsorge stieg die Temperatur auch in den beschatteten Zelten in fast unerträgliche Höhen. Dadurch war es, trotz der Müdigkeit, nahezu unmöglich, sich auszuruhen. Das Wasser war rationiert und jeder verlor durch Schwitzen mehr, als er sich durch die kleine Menge wieder zuführen konnte.
Am Abend ging es wieder weiter. Das spärliche Licht machte die Wanderung zwischen den Felsen sehr gefährlich, manchmal mußten sie eine Kette bilden, wobei der erste den Weg ertastete und die anderen seine Schritte und Handgriffe nachahmten. Auch kamen die von Jansur erwarteten Zweifel. Wieso machten sie all diese Anstrengungen durch? Was würden sie erreichen? Und was war schon Pardos, eine sagenhafte Stadt, die es vielleicht gar nicht gab! Trotzdem zog die Gruppe weiter in die Richtung, in der man Pardos vermutete.
Als Skadi und die Soldaten am Morgen aufbrachen, fehlte ein weiterer Mann. Wieder waren keine Spuren zu entdecken. Lardo ließ getreulich eine Nachricht für Shyakul zurück, obwohl er bezweifelte, daß die Boten bis hierher vordringen würden.
Die Hohepriesterin trieb sie zur Eile an. Erneut fragte sich Lardo, ob sie etwas mit dem Verschwinden des Mannes zu tun hatte. Auf ihren Pferden folgten sie Skadi, bemüht, nicht von dem Pfad abzuweichen, den sie einschlug. Das Glucksen und Blubbern des Sumpfes schien sie freudig zu begrüßen. Giftige Dämpfe strichen um die Beine der Tiere und machten sie ängstlich. Stiegen sie in die Nasen der Soldaten, lösten sie Hustenreiz und Tränenfluß aus.
Gegen Abend erreichten sie den Nebelwald. Einem Mann war von einer fleischfressenden Pflanze die linke Hand abgerissen worden. Die anderen litten am Fieber, das die Stechmücken übertrugen, oder hatten durch die Giftgase Schmerzen in der Brust. Skadi hieß Lardo, ein wenig Wasser zu kochen und streute ein violettes Pulver hinein, das sich in der Kapsel eines ihrer Ringe befunden hatte. Nachdem die Männer die säuerlich schmeckende Flüssigkeit getrunken hatten, fielen sie in tiefen Schlaf.
Am anderen Morgen verspürten sie weder Schmerzen, noch Fieber, sogar der Armstumpf des Verletzten schwärte nicht mehr. Nach einer kleinen Mahlzeit ritten sie weiter. Die dichten Nebelschwaden des Waldes hüllten sie ein, dämpften alle Geräusche, schienen Fratzen zu ziehen und mit zarten Hände kleine, kühle Tröpfchen auf Haut und Kleidung zu streicheln. Von den Ästen tropfte der Tau, und die Hufen der Pferde stolperten über den aufgeweichten Boden. Tags war es dunkel, nachts leuchtete der Nebel. Die unheimlichen Wesen, die er verbarg, mieden die Nähe der Hohepriesterin. So erreichten sie nach einigen Tagen die Hungerwüste.
Nach der feuchten Kühle des Waldes brannte die Sonne besonders unbarmherzig auf die erschöpften Männer herab. Ihre Lederrüstungen waren schweißnaß, aber Skadi ließ ihnen nur wenige Stunden Rast am Tag.
Langsam wurde das Futter für die Pferde knapp, ebenso verringerten sich die Rationen der Soldaten.
Edle Skadi
, sprach Lardo, und rückte seinen runden Schild mit dem Ornament eines Wolfes zurecht, wann erreichen wir Pardos? Wir haben nur noch für zwei Tage Wasser und Nahrung.
Sonnenuntergang werden wir die Tote Zone erreichen. Laß die Männer sich gut ausruhen, denn morgen werdet ihr bekommen, was ihr braucht. Aber man wird es euch vielleicht nicht kampflos geben.